Zu Besuch beim Zentralen Mittelfeld des FC Lampedusa St. Pauli im Abschiebeknast

“Ich weiß wer SIE sind, ich weiß wer ER ist und ich weiß auch, das ER bei Ihnen Fußball spielt – ich finde das so ein tolles Projekt“
Verantwortlicher Beamter im „Ausreisegewahrsam“ am Hamburger Flughafen

Zu Besuch beim Zentralen Mittelfeld des FC Lampedusa St. Pauli im Abschiebeknast.

In Hamburg betreibt die Ausländerbehörde seit Oktober 2016 ein eigenes Gefängnis.
Dort arbeiten ausschließlich Mitarbeiter_innen der Hamburger Ausländerbehörde und des privaten Sicherheitsdienstes WEKO. Sachbearbeiter_innen der Ausländerbehörde verhaften in ihren Räumen Menschen, lassen sie von ihren eigenen Leuten in ihren eigenen Knast bringen und bewachen sie dann dort auch noch selber, bis sie sie nach bis zu vier Tagen eigens zum Abschiebe-Flieger bringen. Was ist das denn eigentlich genau?

Nachdem wir, der FC Lampedusa St. Pauli am Mittwoch, dem 30.11. aus Barcelona kommend am Hamburger Flughafen gelandet waren, haben wir sofort im Abschiebegefängnis angerufen und gefragt, ob eine von uns unseren eingesperrten Habibi dort besuchen könne, da wir ja auch am Flughafen seien. Der Mann am Telefon sagte, die Besuchszeit ende um 18.00 Uhr und wenn wir uns beeilen, könne man noch kommen. Wer denn genau kommen wolle?
Eine Freundin, sei ich und wir kämen gerade aus Barcelona und seien erschüttert, das unser Bruder dort einsitzen würde. Einen Ausweis hätte ich dabei und würde jetzt unser Fußballteam am Flughafen stehen lassen, ihnen meinen Koffer aufs Auge drücken und mich sofort in ein Taxi werfen. Das sei aber nicht direkt am Flughafen, sondern ganz auf der anderen, westlichen Seite des Flughafen-Geländes, sagte die Stimme am anderen Ende des Telefons. „Ja ja, das schaff ich schon vor 18.00 Uhr“, entgegnete ich.

Nach 5 Minuten Fahrt, im Taxi erhielt ich einen Rückruf auf meinem Handy und die männliche Stimme sagte, ich könne nun doch nicht kommen. Was, das ginge jetzt aber nicht mehr, da ich bereits im Taxi und schon auf dem Weg sei, sagte ich. Es täte ihm leid, aber das würde heute – aus organisatorischen Gründen – nichts mehr werden, die er aber auch nicht erläutern dürfe. Ich versuchte ihn zu überreden, unseren Mittelfeld-Spieler dann von innen an ein Tor, oder an einen Zaun zu bringen und ich käme dann von außen, so dass wir uns wenigstens kurz sehen und reden könnten, wir würden uns auch nicht anfassen, versprach ich. Aber er sagte nur, das dürfe er nicht und ich könnte ja morgen um 10.00 Uhr kommen. Stocksauer ließ ich das Taxi umdrehen und stand dann wieder am Flughafen, alleine im Regen.

Donnerstagmorgen fahre ich nach Niendorf, in den Rahmoor 1, hinter den Einfamilien-Häuschen, hinterm Zaun, aufs Gelände des Flughafensportvereins, in den Wald hinein, durch den Regen und rufe vom Parkplatz des Sportvereins die Nummer an, die auf einem verwaschenen Zettel in Klarsichtfolie am Tor zum Vereinsgelände befestigt ist: “ Ausreisegewahrsam Hamburg, Besucher hier melden, Telefonnummern“. Der Mann am Telefon sage: „Wir kommen vor.“ Wo ist denn „vor“ – frage ich mich?

Durch Bäume und Gestrüpp hindurch sieht man weiss-blaue Container in der Ferne, hinter einem hohen weiteren Zaun umwickelt mit Stacheldraht. Aha, da ist wohl vor, am massiven Eisentor, hinter dem man die Silhouetten von drei bis vier Personen im Nieselregen schwach erkennen kann. Eingezäunt und mit Nato-Draht „gesichert“..

„Ich bin angemeldet für 10.00 Uhr“, versuche ich ungelenk zu erklären. „Ja ja, kommen sie rein, erst durchs Tor, dann durch die Eingangstür …“ Schließ auf, schließ ab, schließ auf, schließ ab.

Ach nein, was für ein schrecklicher Ort und hier haben sie ihn hingebracht, unseren FCLSP-Spieler und eingesperrt. Ganz alleine auch noch!

Einerseits ja auch ganz tröstlich, dass nicht noch mehr Menschen im ‘Ausreise-Gewahrsam’ auf ihre Abschiebung warten müssen, mitten im Wald, hinter Stacheldraht, im Gefängnis aus aufgestapelten Containern. Aber gleich ein ganzes Gefängnis für einen einzigen FC Lampedusa St. Pauli-Spieler? Allein, in the middle of nowhere, kaum auszuhalten.

Er ist der insgesamt 5. Insasse überhaupt, im neuen ‘Ausreisegewahrsam’ der Ausländerbehörde am Hamburger Flughafen, nach „zwei Aserbaidschanern, einem Armenier und einem Ägypter“, wie der Presse zu entnehmen war, ist das eigentlich Zufall mit dem ‘A’? Ganze vier Tage darf die Ausländerbehörde Geflüchtete in ihrem eigenen Gefängnis gefangen halten.

Dann werde ich rein gebeten, mit meinem Rollkoffer, den ich gestern Nacht, nach der Rückkehr aus Barcelona einfach ausgeschüttet hatte, um ihn für unseren Habibi neu zu bestücken.Ihm wenigstens seine Sachen noch bringen zu können. Ins Gefängnis! Zum Flieger! Zur Abschiebung!

Viel ist es nicht, was er besitzt, knapp zwei Jahre nachdem er sein Geburtsland verlassen hat, auf der Suche nach, wie er sagt, einfach nur einem Plätzchen, wo er sein darf, wie er ist und wo er in Frieden leben kann. Fast zwei Jahre Unverständnis, Containerlager, Vorladungen, Schikane, Ablehnung, Flucht, Einsamkeit, Sprachlosigkeit und die ständige Angst davor eingesperrt und deportiert zu werden. Zurück, zurück. Aber, wohin denn eigentlich zurück?

Zurück dahin, wo er aus guten Gründen, die erste Chance wahrgenommen hat, die sich ihm bot abzuhauen? Wo es auch fast nur Unverständnis, Schikanen, Ablehnung, Einsamkeit und noch Schlimmeres gab und gibt? In ein Land und eine Gesellschaft, zerrüttet, zerrissen, zerstört, brutalisiert und traumatisiert von Krieg und Nach-Krieg. Von Elend, Vertreibung, Korruption, Intoleranz und Hoffnungslosigkeit! Ein- und ausgesperrt im N-Irgendwo?

Wo er vielleicht geboren wurde, aber doch nicht sein ganzes Leben zu verbringen hat. Wer darf denn darüber bestimmen, wo ein Mensch leben darf und wo nicht? Und wer sind denn eigentlich diese Menschen, die sich anmaßen, darüber entscheiden zu dürfen?

Im Büro warten gleich zwei Frauen und drei Männer von der Ausländerbehörde. An der Tür, durch die ich gekommen bin, steht eine Angestellte der Sicherheitsfirma, an der anderen Tür ihr männlicher Kollege. Eine Frau der Ausländerbehörde stellte sich mir vor und verlangt meinen Ausweis. Es wird telefonisch eine Abfrage gemacht, ob ich überhaupt rein darf.
„Negativ!“ – „Was?, nein, jetzt hört es aber auf, Sie haben mich gestern schon weggeschickt, ich bringe hier heute seine Sachen!” – “Freuen Sie sich doch, bei uns heißt negativ, positiv!’.”
Ist eben eine andere Welt.

Sie weist mir ein Fach in einem Schrank zu, wo ich alles reinlegen solle, was ich nicht mit rein nehmen dürfe, Jacke, Tasche, Geld, etc. Dann gehen alle Männer raus und eine zweite Security-Mitarbeiterin kommt rein und stellt sich an die andere Tür, nun sind genau vier Frauen und ich in dem Raum. Als erstes muss ich meine Schuhe ausziehen, die Kniestrümpfe runter schieben, den Pullover ausziehen, die Hose aufknöpfen,, um mich dann an die Wand stellen zu müssen. Ees gibt extra ein Stück Teppich, auf das man sich zu stellen hat. Mit dem Gesicht zur und den Händen an der Wand werde ich von oben bis unten abgetastet, von erst einmal grob drüber, ungefähr so, wie vor dem FC St. Pauli-Heimspielen, bis es dann doch eher in eine regelrechte Leibesvisitation übergeht, inklusive Hände runter nehmen, damit T-Shirt und Unterhemd hochheben. Einmal nackten Rücken zeigen, umdrehen, einmal nackte Brust zeigen, umdrehen, Hände wieder an die Wand! „Das diene ja schließlich in erster Linie – seinem Schutz“ behauptet sie auch noch.
Ohne Worte! Am Ende darf ich die Hände runter und das Gesicht von der Wand drehen und mich auch wieder anziehen. Nur nicht wieder auf ihren Stuhl setzen, beim Schuhe anziehen, gefälligst.

Dann kommen all die Männer wieder rein und es geht an den mitgebrachten Koffer.
Alle Kleidungsstücke werden einzeln aufgefaltet, befummelt und durchsucht, dann der leere Koffer akribisch unter die Lupe genommen. Als ich sage, dass der gestern schon vom Airport Barcelona durchleuchtet wurde, werde ich gleich angeblafft, das sei ja „Inner-Schengen’. Da werde gar nichts kontrolliert. O ha, hoffentlich stimmt das nicht!

Nach ca. einer halben Stunde sind die zumeist Sportklamotten ausgepackt, durchsucht und halbwegs akzeptabel wieder eingepackt, der ‘Koffer-Durchsuchungs-Beamte’ versucht ein Gespräch über Fußball, den FC St. Pauli, Altona 93 und den FC Barcelona anzufangen. Er sei ja auch Fußballfan und kenne sich aus. Wie es denn in Barcelona gewesen sei, wir seien doch sicher auch im Stadion gewesen. Oder? Als er mir dann mitteilt, ich dürfe die gerade durchsuchte Barça-Geschenktüte aber nicht mit rein nehmen, haben wir uns dann doch unter ‘Fußballfans’ darauf geeinigt, dass ich die Barcelona Mitbringsel in der Originalverpackung mit rein nehme, zeige, sie dann wieder mit raus bringe, er sie dann nochmal kontrollieren kann und dann in den Koffer legt.
So läuft das dann – scheinbar – aber nur unter „Fußballfans“!

Dann darf ich endlich gehen, weiß aber nicht wohin, kenne mich dort zum Glück ja nicht aus und werde dann doch zu unserem Bruder gebracht, der in einem unglaublich hässlichen, ungemütlichen und kahlen, kalten Besucherzimmer auf mich wartet. Er sieht blass, dünn und übernächtigt aus, kein Wunder, an diesem grauenhaften, einsamen Ort. Dafür hat er sich aber tapfer gehalten. Wir nehmen uns in die Arme, reden über die Situation da ‘drinnen’ und er fragt mich, wie es denn in Barcelona gewesen sei und dass er uns die tolle Reise nicht verderben wollte. Deswegen hätte er eigentlich darauf gedrungen, das uns Niemand dort über seine schreckliche Situation informieren solle. Es täte ihm Alles so leid.
Uns erst, schließlich wurden ja nicht wir ohne Vorwarnung ins Gefängnis geworfen und werden am nächsten Morgen abgeschoben. Was für eine entsetzliche Vorstellung und trotz aller Bemühungen seines Anwalts scheinbar nicht abzuwenden, was für eine Schande!
Wir haben trotz all dem Horror sogar ein bisschen gelacht zwischendurch.
Tapferer kleiner FC Lampedusa St. Pauli Spieler!

Nun müssten wir aber mal wirklich zum Ende kommen, es sei schon 12.00 Uhr durch, sagt der WEKO- Mitarbeiter in der Ecke, der den Besuch überwacht hat. Ab ins Büro, Barcelona-Geschenke brav wieder abgeben und dann sage der, Beamte der Hamburger Ausländerbehörde, der nun ein Gefängnis betreibt, in dem sie Menschen einsperren, nur um sie abzuschieben, doch tatsächlich zu mir: Er wüsste, wer ICH sei, er wüsste wer ER sei und zeigt Richtung Flur, wo unser geliebter Freund und Spieler des FC Lampedusa St. Pauli steht und ein letztes Mal durch die offene Tür zu mir rüber schaut. Er wisse, was WIR machen und dass ER beim FC Lampedusa Fußball spielt, er würde sich ja auch für Fußball interessieren und fände das ein so tolles Projekt.

Wenn das so ist, dann solle er doch bitte sofort unser zentrales Mittelfeld frei lassen, sage ich.

„Na ja“, DAS könne er natürlich nicht machen – warum eigentlich nicht?

Am nächsten Morgen, Freitag den 2.12.2016 um 7.00 Uhr wurde der FC Lampedusa St. Pauli Spieler, unser Habibi, unser Bruder und Freund mit dem Flugzeug vom Flughafen Hamburg abgeschoben!

Und dann auch noch an einem Heimspieltag des FC St. Pauli!

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