Von Bussen, die nachts die Kinder abholen und desinfizierten Teddys

Am Freitag den 2.12.2016 um 7.00 Uhr morgens wurde leider erneut ein Spieler des FC Lampedusa St. Pauli abgeschoben, nachdem er drei Tage im neuen sogenannten „Ausreisegewahrsam“ der Ausländerbehörde am Hamburger Flughafen gefangen gehalten wurde. Er war dort der 5. Gefangene in der Hamburger Geschichte überhaupt und saß da als einziger Häftling ein – bis zu seiner Abschiebung im Morgen-Grauen!

Am Montag den 5.12.2016 fahren wir, zwei Trainerinnen des FC Lampedusa St. Pauli in die Erstaufnahme für Flüchtlinge in die Schmiedekoppel nach Niendorf. Wir haben uns extra ein Cityauto gemietet, um die zurückgebliebenen Sachen unseres abgeschobenen Spielers in der Flüchtlings-Unterkunft abzuholen.

Am Vormittag hatten wir angerufen: „Hallo, wir sind Freundinnen von R., wie Sie ja wissen wurde er am Freitag abgeschoben. Das Abschiebegefängnis hat ja schon am Mittwoch seine Zimmerschlüssel zurückgeschickt, hat man mir bei meinem Besuch am Donnerstag dort gesagt. Ich habe auch eine Vollmacht von ihm, dass wir seine Sachen abholen dürfen. Können wir um 14.00 Uhr vorbei kommen? Hallo, Hallo, sind Sie noch da? Hallo?“.

Die Frau am anderen Ende der Leitung, nennen wir sie Petra, ist hörbar geschockt: „Ähm, was, davon weiss ich ja gar nichts, das ist ja schrecklich! Wie abgeschoben, am Freitag? Wieso Ausreisegewahrsam? Wie seit Dienstagmorgen? Uns hat überhaupt niemand informiert, ich weiss von nichts, das ist ja schrecklich! Wie war noch mal der Name? Vorbeikommen wollt ihr, eine Vollmacht habt ihr, abgeschoben ist er, wie schrecklich, ja ja, kommt um 14.00 Uhr!“

Unser Teilzeitauto hat einen Navi und so wissen wir, dass wir mehr oder weniger zum Trainingsgelände unseres FC St. Pauli fahren müssen, um dann in einem grösseren Bogen, durch eine Art „Wildnis“ zur Erstaufname zu gelangen. Links und rechts der kleinen Straße abgehängte Bauzäune, rechts, eine Art einstöckige Container-Reihenhaus-Siedlung, mit Gässchen und bunter Wäsche, die im schmuddeligen Hamburger Wetter, über grossen Pfützen im kalten Wind flattert.

Wir müssen nach links. Am mit grüner Plastikfolie blickdicht gemachten Bauzaun hängt ein Schild, ‘ASB Flüchtlingshilfe’ . Wir sind ein bisschen irritiert. “Flüchtlings-Hilfe“?

Wir gehen durch ein offenes massives Eisenrolltor zum Security-Container, zwei Männer in Wachdienst-Uniformen stehen links und rechts, durch die Luke, ins Innere hinein, versuchen wir zu erklären, wer wir sind und was wir wollen. „Wir sind mit Petra…. verabredet“, sagen wir, haben aber den Nachnamen irgendwie falsch abgespeichert. Es wird gerätselt, gefragt, vorgeschlagen und telefoniert. Es käme gleich jemand und würde uns abholen, heisst es aus dem Inneren der „Pförtner-Loge“. Wir sollten uns schon mal in die Besucher-Liste eintragen. Wir stehen bibbernd im Dezember-Schmuddel und beobachten einen Jungen, der mit einem kaputten Ball Fußball spielt. Alleine ist irgendwie doof und so fängt er an mit einem Wachmann, mit Musikknöpfen in den Ohren und Händen in den Hosentaschen, die schlaffe Pille hin und her zu kicken. Schon kullert der Ball zu einer von uns und so passen wir uns zu dritt den Ball hin und her. Eine skurrile Situation – oder vielleicht auch nicht.
Ein weiterer kleiner Junge kommt hinzu und so spielen die beiden erstmal munter zusammen, geraten aber bald in Streit und fangen an sich ein bisschen zu prügeln. Der Security-Mitarbeiter nimmt die Hände aus der Tasche, schnappt sich das weinende, um sich schlagende Kind von vielleicht 5 Jahren, hält ihn fest im Arm und redet beruhigend auf ihn ein. Der andere, gleichaltrige Junge, versucht uns, die wir immer noch warten, dass wir abgeholt werden, zu erklären, dass natürlich der andere angefangen hätte. Irritierende Situation, der uniformierte Streitschlichter – vielleicht aber auch nicht. „Flüchtlingshilfe“. Steht ja am Tor!

Endlich kommt Petra, ganz aufgelöst, es täte ihr so leid, sie hätte vergessen uns anzurufen, wir könnten nun doch nicht die Sachen unseres Spielers abholen. Der zweite Bewohner des Zimmers sei weg gegangen.

Wie bitte? Also bestehen wir wieder einmal darauf. Wir hätten uns heute extra frei genommen, ein Auto besorgt, seien hierher gefahren und das, da es sich ja nicht um ein Gefängnis handelt, der Mann kommen und gehen könne wann immer er wolle. Von daher macht es ja überhaupt keinen Sinn, darauf zu hoffen, das er irgendwann im Zimmer wartet, bis irgendwelche Leute, irgendwelche Sachen, des anderen, seit Tagen nicht mehr dagewesenen abholen kommen.
Ja ja, aber die Privatsphäre, nein also, sie wäre überhaupt noch nie in einem Zimmer gewesen,
wenn dort kein Bewohner anwesend sei, das könnte sie echt nicht tun.

Wir gucken uns an und um. Wir stehen in einem großen Container-Lager auf einem ehemaligen BMW-Autohaus-Parkplatz, der Boden kahl, und mit großen, tiefen Pfützen überzogen. Doppelstöckig stehen die Container dicht an dicht, dazwischen enge Wege. „Links und rechts der Straße sind insgesamt 850 Menschen untergebracht“, sagt Petra.
Wer durch das Rolltor geht, muss sich beim Wachdienst ausweisen, und seinen Namen, Uhrzeit, und so weiter in eine Liste eintragen, egal in welche Richtung, ob raus oder rein.

Wir stehen immer noch draussen, es nieselt, unsere Füsse und Hände sind kalt und es fängt schon an dämmerig zu werden.
Also wir gehen hier nicht weg ohne die Sachen unseres Spielers. Punkt, aus, basta!

Also wenn das so ist, dann müssten wir mal ihren Vorgesetzten fragen. Wir gehen zusammen zum Büro-Container, mit der Aufschrift „Flüchtlingshilfe-Büro“, bleiben weiterhin in der Kälte stehen und ein Mann wird nach draussen geholt. Also sie hätte überhaupt niemand über die Abschiebung informiert, sie wüssten von nichts und überhaupt, würden sie nie informiert.
Ob er denn die Vollmacht unseres FC Lampedusa St. Pauli Spielers haben könnte und wir hätten ja sicher den Zimmerschlüssel dabei und noch wichtiger: den Schlüssel seines Schrankes, oder?
Er wüsste von nichts und wie denn nochmal der Name unseres Freundes sei.

Also. Alles. Nochmal. Ganz. Langsam:
Unser Spieler wurde am Dienstag, den 29.11. morgens in der Ausländerbehörde einfach verhaftet, in den sogenannten „Ausreisegewahrsam“ gebracht, dort drei Tage eingesperrt und am Freitag,
den 2.12. um 7.00 Uhr ABGESCHOBEN!

Am Donnerstag den 1.12. war eine von uns im Abschiebeknast und dort wurde:

1. eine Vollmacht unseres Spielers geschrieben, dass wir seine Sachen abholen dürfen.

2. von der Gefängnisleitung behauptet, in einem direkten Gespräch (von Angesicht zu Angesicht), dass sie die Schlüssel der Erstaufnahme bereits an die Unterkunft zurückgeschickt hätten, da „die Leute“ sie sonst immer mitnehmen würden.

3. versprochen, in der Schmiedekoppel anzurufen bzw. ein Fax zu schicken, um die Unterkunft in Kenntnis zu setzten und mitzuteilen, dass am Montag Freundinnen kämen, um die restlichen Habseligkeiten des Insassen und dann schon Abgeschobenen abzuholen.

Nichts davon ist passiert!

Tja, also, dann würde er jetzt mal da anrufen und anfragen, er wüsste jetzt auch nicht so recht, was zu tun sei. Nach einer Weile kommt er wieder aus dem Büro, gibt uns das Original der Vollmacht wieder zurück und teilt Petra und uns mit, dass das Abschiebegefängnis die Abschiebung bestätigt habe, der Schlüssel sei wohl irgendwie unterwegs oder so und in diesem Falle würde jetzt mal der Hausmeister, mit dem Generalschlüssel gerufen. Wir könnten ja schon mal vorgehen und im Container warten, sei ja doch recht kalt und feucht.
Gute Idee!

Also gehen wir schräg gegenüber in einen der Container, und warten auf den Hausmeister.
Es kommt ein junger Typ mit einer riesigen Brechstange in der Hand. Oha, gibt es keinen General-Schlüssel? „Der ist für das Schrankschloss“, werden wir beruhigt, aber Moment mal, ach nein, das Zimmer ist ja oben. Also raus, die eiserne Treppe hoch, durch die Tür und rein in einen sehr schmalen Flur, mit der riesigen Brechstange. Die anwesenden „Bewohner“ haben richtig Angst vor uns und starren uns fast panisch an. Ein Mann möchte in sein Zimmer gehen, traut sich aber nicht an uns vorbei, wir bemerken es und treten beiseite im engen Flur. Zwei fremde Frauen, eine Mitarbeiterin und ein Mann mit einer riesiger Brechstange!
Das ist das schlimmste an der Situation, dass geflüchtete Menschen sich vor uns ängstige, Ein Alptraum!

„Also nein, wirklich“, sagt Petra, sie wäre noch nie in einem Zimmer gewesen ohne die Bewohner, sie könne das nicht machen. Wir beruhigen sie, dass all seine Sachen im linken Schrank seien, wir nichts anfassen würden und sogar genau wüssten, was sich im Schrank befindet. OK. Der Hausmeister schliesst das Zimmer auf und wir zeigen auf den linken Schrank. Das Zimmer ist winzig, es passen genau zwei Betten, ein Tisch, ein Stuhl und zwei Spinde rein. Der da, ja genau und drinnen liegt eine hässliche Deutschland-Fleecejacke von der Deutschen U21-National-Mannschaft, ein Geschenk von Christopher Avevor vom FC St. Pauli.
Wir gucken uns an, wir gucken den Hausmeister an, wir gucken Petra an – die Schränke kann man gar nicht abschliessen, sie haben nur Drehknöpfe! Das dazu.

Wir bitten den Hausmeister, den Knopf zu drehen und er zieht die Deutschlandjacke aus dem Schrank. Ja genau, das sind die Sachen unseres FC Lampedusa St. Pauli Spielers, die nehmen wir jetzt mit. Viel ist es nicht. Schnell packen wir die paar Sportsachen aus Christopher Avevors Kleiderspende, ein paar Badezimmerutensilien und etwas Papierkram in eine Tasche und verlassen den Container, inklusive völlig überflüssiger Brechstange, damit sich die Menschen nicht mehr vor uns fürchten müssen!

Wieder draussen erzählt uns Petra, dass insgesamt 850 Menschen hier untergebracht sind und das sie es so traurig findet, dass einige ganz plötzlich einfach weg sind und dann zeigt sie auf das einstöckige Container-Lager auf der anderen Straßenseite und sagt:
„Und in der Nacht kommen die Busse und holen die Familien mit deren kleinen Kindern ab!“
Wie bitte?

Ja, sie würden überhaupt nicht informiert, dann kämen nachts die Busse und holten die Kinder ab. Am Morgen wären nur noch die Teddys da, die würden sie dann desinfizieren, damit man sie weiter verteilen kann. Was?

Ja, und dann bekämen die nächsten Kinder wieder die Teddys, bis dann auch sie nachts abgeholt werden und wieder nur Teddys zurück blieben, die dann wieder desinfiziert würden – was sollten sie denn machen, sie wüssten ja von nichts, sie würden überhaupt nie und von niemandem informiert.

Wir sind geschockt. Ihr könnt euch sicher denken, was für Assoziationen uns durch den Kopf gehen. „Das geht doch nicht, hier kannst du doch nicht arbeiten“, sagen wir zu ihr.
Ihr stehen schon fast die Tränen in den Augen.
Das sei die Unterkunft für Familien, hauptsächlich vom Balkan, sagt sie leise und da kämen halt nachts dann die Busse. Die seien dann einfach weg und nur die Teddys seien noch da.
Petra guckt uns mit verzweifelten, traurigen Augen an.

Nein Petra, hier kannst du nicht arbeiten, das geht einfach nicht!
Du kannst doch nicht mitmachen, bei so etwas!
Du kannst doch nicht in einem Flüchtlings-Lager arbeiten, wo in der Nacht Busse Kinder abholen.
Wo morgens nur noch die zurückgebliebenen Teddys liegen – die dann desinfiziert werden. NEIN!

Verstört trotten wir durch die Dämmerung, mit unserer Tasche voller Rasierwasser, Seife, Jogginghosen und DER Deutschland-Fleecejacke zum Tor, tragen uns am Security-Container wieder auf der Liste aus, werfen ein kurzes ‘Tschüss’ in die uniformierte Runde und gehen auf die kleine Straße.

Wir schauen auf die andere Straßenseite, über den verhängten Bauzaun, zu den Container-Reihen, mit der nassen Wäsche auf der Leine, dorthin, wo die desinfizierten Teddys wohnen.

Wie viele Kinder die wohl schon versucht haben zu trösten – bis und wenn die Busse kommen – vollgesogen mit Desinfektionsmittel – die traurigen Teddys – wenn die sprechen könnten!

Bevor wir ins Auto steigen gucken wir nochmal zurück.
„EA Schmiedekoppel, ASB Flüchtlings-Hilfe“ steht auf dem Schild!

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