“Auf der Flucht” Lesung und Diskusion mit Autor Boštjan Videmšek und Fotograf Jure Eržen

»Die Geschichte der Flüchtlinge wird auch eine Geschichte von morgen sein. Die Geschichte der Flüchtlinge ist eine Geschichte von heute. Die Geschichte der Flüchtlinge ist eine Geschichte von gestern. Schauen wir zurück. Dieses Buch erzählt nicht nur von ihnen. Dieses Buch erzählt von uns.«

Der FC Lampedusa St. Pauli proudly present:
“Auf der Flucht” Lesung und Diskusion mit Autor Boštjan Videmšek und Fotograf Jure Eržen in englischer und deutscher Sprache

Donnerstag 22.6.2017, 19.10 Uhr
Fanräume im Millerntorstadion
Gegengerade, Auf dem Heiligengeistfeld 1, 20359 Hamburg

Auf der Flucht
Moderner Exodus ins gelobte Land. Reportagen
Autor: Boštjan Videmšek, übersetzt von Andrea Leskovec, Fotos: Jure Eržen, erschienen im KLAK Verlag
Die ganze Flüchtlingstragödie von 2005-2016. Von Afrika und Spanien, von Syrien über die Türkei und die Balkanroute. Eine Erzählung über die Flucht ins gelobte Land Europa, die uns den Atem nimmt. Basierend auf 2500 Interviews, eingebettet in den globalen politischen Kontext.

Dieses Buch beginnt im Herbst 2005 an der Grenze zwischen Marokko und Spanien, wo erstmals ein Zaun aus Stacheldraht errichtet wurde, und endet im Sommer 2016 im Herzen der Europäischen Union. Eine bewegende Erzählung über die Migration aus den Ländern Afrikas, aus Afghanistan und Syrien, über Italien, Spanien, die Türkei und die Balkanroute. Basierend auf tausenden Interviews, zeigt es den Mut und die Verzweiflung von Geflüchteten, eingebettet in den globalen politischen Kontext. Boštjan Videmšek berichtet über Fluchtursachen, die Tragödien in den Flüchtlingslagern, das Sterben auf dem Mittelmeer, die Organisation der Schlepperbanden, Rassismus und Populismus in Europa, die Enthumanisierung individueller Schicksale und das Engagement der ehrenamtlichen Helfer, die menschliche Werte verteidigen.

Boštjan Videmšek, ist ein slowenischer Autor und Journalist und studierte Kultursoziologie und Philosophie an der Universität Ljubljana. Seit 20 Jahren berichtet er als Auslandskorrespondent der slowenischen Zeitschrift DELO aus den wichtigsten Kriegs- und Konfliktzonen der Welt, u.a. aus Nahost, Zentralasien, Afrika. Seine Artikel erscheinen u.a. in New York Times, International Herald Tribune, Atlantic Post, BBC World, El Periodico.

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Der FC Lampedusa Smederevo

Der zweite Teil unseres Reiseberichtes zu einigen unserer FC Lampedusa St. Pauli Spielern, die die Hansestadt Hamburg abgeschoben hat, in den Kosovo und nach Serbien.

Beim FC Lampedusa St. Pauli bleiben alle Spieler ein Teil des Teams, auch wenn sie gezwungen werden, Hamburg zu verlassen. Einige von ihnen müssen unter Zwang den Fernbus besteigen. Leider wurde auch schon der neue Abschiebeknast am Hamburger Flughafen von einem unserer FCLSP Spieler von innen gesehen und dann ab, mit “Passersatzpapier” der Hamburger Ausländerbehörde, in den Flieger zurück. Zurück – wohin denn eigentlich “zurück”?

Nach knapp einer Woche im Kosovo und zum Teil sehr widersprüchlichen Auskünften über die Möglichkeiten einer direkten Einreise von zwei Deutschen und einem Kosovaren nach Serbien, kaufen wir drei Bustickets von Pristina nach Belgrad, für den nächsten Morgen. Es folgen beruhigende Gespräche mit der Schwester des FCLSP Spielers, die sich Sorgen um die Sicherheit ihres „kleinen“ Bruders macht. Mag der Krieg auch nahezu 18 Jahre her sein, die Wunden sind groß und die Traumata sitzen tief. Mit den Folgen der Kriegserlebnisse hat so gut wie jede und jeder zu kämpfen, und die Ängste sind einfach da. Der Konflikt schwelt unverholen weiter, die Propaganda und das gegenseitige Misstrauen sind stets präsent. Eigentlich ist es nahezu undenkbar sich zu besuchen, aber wir sind doch ein Team, wir sind doch alle FC Lampedusa St. Pauli Fußballspieler und Coaches. Bei uns sind doch alle Brüder, egal wer woher gekommen ist, welcher Nationalität, Ethnie oder Religionsgemeinschaft man zugeordnet wird und ob man in Hamburg bleiben kann oder abgeschoben wird.

So steigen wir an einem Dienstagmorgen im März, mit unserem Koffer voller Fußballtrikots, Stutzen und Bällen, am Busbahnhof Pristina in den Bus nach Belgrad. Knapp sieben Stunden Fahrt liegen vor uns, der Bus ist fast leer und der Busfahrer sehr unfreundlich zu uns. Dann naht die Grenze, wir geben dem zweiten Busfahrer unsere Ausweise und sind ein bisschen nervös. Erstmal ausreisen, zwei kosovarische Grenzbeamte gehen langsam durch den Bus und bleiben bei uns stehen. Sie gucken uns drei an und befragen den FC Lampedusa St. Paulianer mit dem kosovarischen Personalausweis. Wo er genau hin wolle, was er mit uns zu tun habe, warum ein Koffer neben ihm steht und was da drinnen sei. Er gibt wahrheitsgemäß Auskunft, dass wir drei zusammen nach Belgrad fahren, Fußball spielen und all unsere Sachen gemeinsam im großen Handgepäck verstaut sind. Der Koffer muss durchsucht werden, verfügen die Uniformierten und schnell springt der andere FCLSP Spieler auf, der mittlerweilen einen deutschen Pass hat und besteht darauf mitzugehen, da der Koffer ihm gehöre. E drückt den Befragten sanft in den Sitz zurück. Ja, ja Englisch könne er auch und so verlassen die Grenzer mit Koffer und „eingedeutschtem“ Lampedusa Spieler den Bus. Nach der Rückkehr erzählt er von der Durchsuchung und Befragung. Sie haben tatsächlich geglaubt, wir würden versuchen uns nach Ungarn durchzuschlagen und seien auf dem Weg, unseren kosovarischen Freund wieder nach Deutschland zu „schleusen“. Etwas auffällig und umständlich so, oder? Zumal, wer bitte will denn in Ungarn interniert werden, bzw als “Schlepper“ im Knast landen. Ein Irrsinn!
Ob die Fußballschuhe im Koffer sie beruhigt haben, wissen wir nicht.

Die Einreise nach Serbien ist dann doch total unkompliziert und so erreichen wir Belgrad verspätet aber problemlos. Wir kaufen für den nächsten Morgen Bustickets nach Smederevo, ein Stunde süd-östlich von Belgrad an der Donau gelegen und nehmen Quartier bei einem Freund, einer Freundin, na ihr wisst schon, um drei Ecken halt. Abends gehen wir alle zusammen eine Pizza essen, wobei Serbien Deutschland gerade im Wasserball besiegt, direkt in der Halle neben der Pizzeria, während der zukünftige Staatspräsident Serbiens bei Angela Merkel in Berlin, die EU Beitrittsverhandlungs-Chancen vorfühlt. Wir gehen lieber schlafen.

Am nächsten Morgen fahren wir nach Smederevo, wo seit Oktober 2016 ein weiterer FC Lampedusa St. Pauli Spieler, seine drei kleineren Geschwister und ihre Mutter, nach zwei Jahren Aufenthalt in Hamburg wohnen müssen. Wir wissen schon von seinen Videos und Fotos, sowie aus unserem stetigen Austausch in den sozialen Medien, dass das Leben für Angehörige der Minderheit der Roma hier, wie überall, mehr als schwierig ist. Sie wurden gezwungen „zurückzukehren“ in Armut, Hoffnungs-, Bildungs- und Perspektivlosigkeit. Der gerade einmal 18 Jährige FCLSP Spieler versuchte zunächst erfolglos, eine Schule für die zwei jüngeren Brüder und die kleine Schwester zu finden, die sich schon in Hamburg große Sorgen gemacht haben, besonders die knapp 8 Jährige Schwester, nicht mehr in die Schule gehen zu dürfen, wenn sie „freiwillig ausreisen“. “Freiwillig”, um zu verhindern, dass sie nachts von der Polizei abholt werden. Der große Bruder versprach eine Schule für sie zu finden und musste sich Sachen anhören, wie :“ Es gibt keine Schule für Leute wie euch!“. Einmal sagt er zu uns, als die Familie noch im Container Lager in Hamburg lebte: “Wisst ihr, beim FC Lampedusa St. Pauli bin ich ein Fußballspieler, hier in der Stadt bin ich wenigstens ein Flüchtling – dort bin ich nur ein Zigeuner“
Wir versuchen uns vorzustellen wie es wohl sein wird in der Roma-Siedlung in Smederevo.

Alle Kinder der Familie wollen uns am Busbahnhof abholen und so steht ein kleiner Pulk Kinder und Jugendlicher mit schwarzen Haaren und trendy Klamotten am Busbahnhof. Was für ein Wiedersehen nach knapp fünf Monaten. Es wird sich erst mal ordentlich durchgeknuddelt.
Schwesterchen hat noch eine kleine Freundin mitgebracht und der neue beste Freund unseres FC Lampedusa St. Pauli Bruders, den wir schon von Fotos kennen, ist auch dabei. Wir spüren sofort die Blicke der Umstehenden, sie sind uns nicht wirklich freundlich gesonnen.

Die beiden jungerwachsenen „Einheimischen“ versuchen einen der ca acht Taxifahrer zu überreden, den aus Deutschland gekommenen Besucher, der stark humpelt zu transportieren. Keine Chance. Der Abwehrspieler des FC Lampedusa St. Pauli auf Fußball-Wiedersehens-Reise hat sich im Kosovo gleich beim ersten Spiel das Aussenband am Knöchel gerissen. Laufen ist keine Option, nein nein viel zu weit, bekundet die Teenyschar einhellig;“ Wisst ihr, wir wohnen ein bisschen woanders“ sagt die kleine Schwester, ihre Freundin nickt, obwohl sie eigentlich kein Deutsch kann. Alle Taxifahrer werden nacheinander versucht zu überreden. Wir drei nicht Serbisch Sprechenden sehen die Blicke, bemerken das Zurückweichen und verstehen sehr genau worum es geht. Das auch sehr schwarzhaarige FCLSP Hinkebein nimmt die Sache nun selbst in die Hand und ruft den letzten beiden Taxifahrern mit großen Gesten zu:“ Ich Deutschland, Fuß kaputt, Fußball, Fußball, ich Deutschland!“ Ok, einer lässt sich erweichen, stellt aber rüde und deutlich klar, wen er nicht in seinem Auto haben will. So dürfen „Deutschland, Fuß kaputt“ sein Gastgeber, der ja die Adresse kennt und ein kleiner Bruder das Auto besteigen, der bester Freund nicht. Wir Anderen laufen und er mit uns. Es scheint sie nicht mal wirklich zu ärgern was gerade passiert ist. Das ist hier halt so.

Wir spazieren in der Sonne an der alten Festung vorbei, am schönen Flussufer entlang, über die Hauptstrasse rüber, Hügelchen hoch, hinein in eine kleine Siedlung, die Strasse wird enger und die Häuser stehen dicht an dicht. Am Ende der kleinen Strasse auf dem Wendekreis steht ein Bau-Container, in den man seinen Müll bringen kann. Vor uns liegt ein kleines, altes Fußballstadion. Wow, die ganze Siedlung ist nahezu um den Fußballplatz herum gebaut. Das ist wirklich eine richtige FC Lampedusa St. Pauli Fußball Reise. Früher, erzählen die Kids um uns herum im breitesten Hamburgerisch, früher gab es einen Mann, der hat sich um das Stadion gekümmert, er hat auch Geld von Organisationen besorgt, um alles in Stand zu halten, es gab einen richtigen Club, Training und Spiele und Alle waren so stolz auf ihren Verein. Dann sei der Mann gestorben und irgendwie hat niemand seinen Platz eingenommen. Wie schade, nun ist der Platz zwar schön, aber die Kabinen verfallen schon ein bisschen und es gibt keinen richtigen Verein und keine Punktspiele mehr. Aber wir werden gleich hier spielen und das ist extrem super.

Direkt hinter dem Zaun des Fußballplatzes wohnt nun die Familie unseres linken Mittelfeldspielers. Alle stehen schon vor der Tür des kleinen Hauses und warten auf uns. Die Taxi-Gruppe ist auch schon da, musste aber den ganzen Weg von der Hauptstraße aus laufen bzw. humpeln. Der Taxifahrer hat sich geweigert in die Siedlung hineinzufahren und die Drei unten an der Einfahrt zum Viertel abgesetzt. So ist das eben hier, wird uns gesagt.

Das Haus ist voll mit Omas, Schwägerinnen, Tanten, Kindern und Jugendlichen, einige der Frauen sprechen etwas deutsch und waren auch mal ein paar Jahre in Deutschland. „ Wieso ist denn euer Freund aus dem Kosovo nicht mitgekommen“ fragt die Mutter. sie hat extra eine Folklore CD besorgt, damit er sich willkommen fühlt. Die Musik ist zwar nicht so unser aller Geschmack, aber es ist so unglaublich bezaubernd, wie schön sie alles vorbereitet hat. Na, der Freund aus dem Kosovo sitzt doch schon mit deiner Jüngsten auf dem Sofa und wird von ihr ausgefragt. „ Nein“ sagt die Mutter, „ der ist doch aus Hamburg, den kenne ich doch von den Teamfotos“ Ja ja, auch er ist aus Hamburg, aber auch er wurde abgeschoben. Mama ist geschockt und nimmt ihn erstmal tröstend in den Arm, dann lässt sie sich alle Einzelheiten der Abschiebung erzählen und holt schließlich ihren Pass, um uns den Stempel der Einreisesperre zu zeigen, 16 Monate. Für Alle! Eingestempelt selbst in die Kinderpässe. Das ist eine lange Zeit, obwohl man doch “freiwillig” den Bus bestiegen hat. Was soll nur aus den Kindern werden, hier.

Ach ja die Schule, was gibt es Neues in der Schulsuche? Sie haben dann doch noch eine gefunden, die bereit ist auch diese Roma Kinder zu unterrichten und so gehen die 8, 11 und 13 Jährigen Geschwister wenigstens zur Schule. Jeden Morgen gehen sie raus aus der Siedlung, laufen dann drei Kilometer durch die Stadt und nachmittags wieder zurück. Sie sind so glücklich, zur Schule zu dürfen. Die kleine Schwester flüstert mir zu: “Wenn man einmal in Hamburg gelebt hat, weißt du, dann kann man hier nicht mehr leben, ist so!“ Was sollen wir sagen?

Ach lasst uns ein bisschen Fußball spielen, FCSP Trikots und Stutzen haben wir mitgebracht, wir müssen nur noch den Ball aufpumpen, den alle FC Lampedusa St. Pauli Spieler beim letzten Training für ihren Team Mate unterschrieben haben. Ein jüngerer Bruder und der große, neue, beste Freund laufen los und kommen mit dem aufgepumpten Ball zurück. Der Kofferinhalt wird verteilt und alle kleinen und großen „Jungs“ verschwinden ins zweite Zimmer, neben der großen, schönen, rot gestrichenen Wohnküche, in der die Küchenhexe, tropische Temperaturen, per Holzfeuer herbei heizt. Was für ein lustiger Anblick, alle neuen und schon vorher aus Hamburg mitgebrachten FC St. Pauli Klamotten wurden aufgeteilt und so ist praktisch jeder im St. Pauli Dress. Raus jetzt aber auf den Fußball-Platz.

Es kommen noch ein paar Teens und Twens hinzu und Mama bekommt das Handy zum Video machen in die Hand gedrückt. Sie muss aber immer so lachen, dass das ganze Bild wackelt. Die drei wiedervereinigten FC Lampedusa St. Pauli Spieler stehen nun nach fast fünf Monaten wieder zusammen auf einem Fußballplatz, wobei der, mit dem Bänderriss im „gegnerischen“ Tor steht und mit den kleinen Brüdern, dem besten Freund und ein paar anderen ein Team bildet. Ich, eine der FC Lampedusa St. Pauli Trainerinnen, gehe mit der kleinen Schwester, natürlich auch im neuen FCSP Trikot, was ihr bis zum Knie reicht ins Tor und ihre kleine, vielleicht 6 Jährige Freundin möchte auch mit im Tor stehen. Kein Problem, aber könnte weh tun wenn der Ball kommt. Sie lässt ausrichten, es würde nicht geweint! Eine weitere Freundin, diese ein paar Jahre älter, vielleicht zwölf kommt in Holzclogs und bunten Leggings hinzu, auch sie will Torwartin sein, na klar. So stehen wir vier Ladies im FC Lampedusa Smederevo Tor, feuern unser Team von hinten an und halten nahezu alle Bälle, wir klatschen uns dann jedes Mal ab und haben einen Mordsspaß. Die Kleinste wird zwei Mal voll abgeschossen, einmal faustet sie den Ball, ohne Handschuhe, knallhart aus dem Tor und ruft auch schon auf Hamburgisch „ Kein Toar!“. Beim zweiten Mal fliegt sie gleich ganz mit dem Ball hinter die Linie, steht auf, schüttelt sich und macht sich für die nächste Parade bereit. Sie ist hart im Nehmen, hat den Ehrgeiz unbedingt gewinnen zu wollen, und natürlich wird nicht geweint! Wir vier sind ein gutes Team und halten lange unseren Kasten fast sauber. Am Ende verlassen uns die Kräfte und wir müssen dann doch ein Unentschieden einstecken. All unsere „Jungs“ geben nach vorne ihr Bestes und so klingelt es am Ende auf beiden Seiten recht häufig. 8 zu 8 geht es wohl aus und es wird auch schon dämmerig. Nun muss aber gegessen werden, ruft Mama, Schluss jetzt mit Fußball spielen. Natürlich gehorchen wir ihr alle.

Verschwitzt und glücklich gehen wir fast alle ins Haus und teilen uns geschwisterlich große Teller mit Fleisch, Krautsalat und Brot, Guten Appetit! Eine der beiden Omas findet uns irgendwie total witzig und muss ständig lachen, wir auch.

Was für ein schöner Tag. Was für eine tolle Atmosphäre. Wir sind alle so fröhlich und glücklich.
Nach dem Essen gehe ich mal nach draußen eine Zigarette rauchen und meine drei Mit-Keeperinnen kommen mit. Vor dem Haus entsteht eine Art Mädchen Plenum um die Fragestellung, ob Mädchen Fußball spielen sollten. Es kommen immer mehr Mädchen und auch Jungs hinzu, wobei die Jungs, so zwischen 5 und 13 nur zuhören und kichern. Die Mädchen hingegen, im gleichen Alter, diskutieren kontrovers und die drei Torhüterinnen, unter Vorsitz der FC Lampedusa St. Pauli Schwester behaupten, dass in Deutschland alle Mädchen Fußball spielen. Es wird beraten und überlegt und dann werde ich gefragt, ob ich nicht im Sommer wieder kommen könnte, um ein Mädchen Fußball Camp abzuhalten. Sie würden nun doch gerne alle Fußball spielen lernen wollen – also die Mädchen. Die Jungs kichern immer noch, werden aber eh immer weiter nach hinten geschoben. Oha, mal schauen, ob wir nicht wen finden, die Mal ein Fußball Camp für Mädchen in Smerderevo, in der Roma Siedlung anbieten. Das wäre auf jeden Fall eine tolle Sache und bei einem so schönen Fußballplatz, wie es ihn hier gibt, wäre es natürlich toll, wenn es irgendwann wieder einen richtigen Verein gebe, auch mit Mädchen Teams natürlich. Also wenn ihr wen kennt, der oder die wen kennt, sagt Bescheid.

Leider müssen wir schon wieder gehen unser Bus fährt bald. Wir verabreden erneut, das nicht geweint wird und so nehmen wir uns alle in den Arm und sagen nur Tschüss, Tschüss bis bald.
Unser Bruder vom FC Lampedusa St. Pauli bringt seine Mitspieler und eine seiner Trainerinnen mit bestem Freund, zwei Freundinnen und größerem, kleineren Bruder zu Fuß zum Busbahnhof. Die Kleineren drehen am Ende des Viertels, an der Haupstraße um, es ist schon dunkel und es ist nicht gut, wenn sie im Dunklen den Stadtteil verlassen, wird uns gesagt. Der Weg ist doch recht weit und die Leute, denen wir begegnen gucken uns komisch an. Am Busbahnhof fragen die Jugendlichen für uns, wo genau der Bus abfährt und erhalten keine Antwort. Die Stimmung um uns herum ist recht eisig, Alle glotzen uns an und so ist es für uns alle schöner, lieber jetzt auf Wiedersehen zu sagen.

Ach, großer, kleiner FC Lampedusa St. Pauli Spieler, alles Gute dir, deiner Familie und all den anderen. Was sollen wir euch wünschen? Menschenrechte, Bürgerrechte, Rückkehrrechte, Schule für Alle, mehr Jobs? Weniger Diskriminierung und ein dickes Fell, um die Exklusionen und Demütigungen besser zu ertragen?

Es war so schön bei und mit euch, es war so schön, euch alle wiederzusehen, mal wieder zusammen Fußball zu spielen, in eurem so toll zurechtgemachten Haus zu Gast sein zu dürfen. Eure Nachbar_innen und Verwandte, eure Freund_innen und all die anderen Kinder und Jugendlichen kennenzulernen. Eure unglaublich herzliche Gastfreundschaft zu genießen, verwöhnt zu werden und sich so willkommen und geliebt zu fühlen – wenn wir nur ein bisschen davon vermitteln können, was für tolle Menschen uns in Hamburg nun fehlen – es ist schwer in Worte zu fassen.

Wie sagte unser FCLSP Spieler, der ein mulmiges Gefühl hatte, nach Serbien zu fahren, im Bus, auf der Rückfahrt nach Belgrad, von wo aus er nun wieder in den Kosovo fahren muss, leicht irritiert und nachdenklich “ Wir waren in der Roma Siedlung bei „unserer Familie“. Wir waren in einer richtigen Oase der Liebe und Freundschaft. Irgendwie völlig abgekoppelt von der Außenwelt. Für ein paar Stunden gab es nur Zuneigung, Vertrauen und Geschwisterlichkeit – aber was soll dort nur aus ihnen werden?“

Ja was soll nun dort aus ihnen werden und was hätte alles in Hamburg aus ihnen werden können, wo angeblich alle Mädchen Fußball spielen und eigentlich jedes Kind zur Schule geht, die zumeist gleich um die Ecke ist.

Wir fahren grübelnd durch die Nacht und fragen uns mal wieder, wer sich das mit den Grenzen und den Nationen eigentlich ausgedacht hat und warum nicht alle Menschen leben dürfen wo sie wollen. 16 Monate Einreisesperre – was soll sowas und warum machen so viele einfach mit?

Und trotzdem, so schön war es in Smederevo bei unserem FC Lampedusa St. Paulianer, seinen Geschwistern, Freund_innen, Mama, und allen anderen. Wir checken jetzt mal das Mädchen Fußball Camp ab und dann kommen wir hoffentlich bald wieder zu euch – bis ihr wieder zu uns zurückkommen könnt. Zurück nach Hamburg, nach Hause.

Euer FC Lampedusa St. Pauli

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A visit to FC Lampedusa St. Pauli’s central midfielder in deportation detention

FC Lampedusa St. Pauli trilogy, part 2

“I know who YOU are, I know who HE is and I know that HE plays football for your team – which I find such a great project”

(Officer in charge at the “Departure Custody Facility” at Hamburg Airport)

 

A visit to FC Lampedusa St. Pauli’s central midfielder in deportation detention.

Since 2016, the Hamburg foreigners’ registration office has been operating its own detention facility.

In this compound, only clerks of Hamburg’s foreigners’ registration office and employees of a private security service work. These clerks detain people inside the registration office; have them committed to their self-operated jail by their own co-workers; and, then, guarded until the detainees are deported by plane – a process that is completed in just four days.

But what does it look like, and how does it feel to be inside the Detention Facility?

After our, FC Lampedusa St. Pauli’s, landing at Hamburg Airport from Barcelona on 30 November 2016 (see part 1 of our trilogy), we immediately called the Detention Facility asking if one of us could come to visit our detained Habibi right away, since we were calling from the Airport. The guy at the other end of the line informed us that the visiting hours ended at 18h00, so there’d be a chance if we make tracks. Who exactly would be visiting? he asked.

“A friend”, I replied. We’ve just landed ­– returning from Barcelona – and were appalled to learn that our bro had been detained. “Yes, I do have an ID with me and would leave the team at the airport, ask them to look after my luggage and take the next taxi” I added.

“But you know that it takes a while to get to the facility as it’s not at the directly accessible from the airport but on the far side of it”, the voice at the other end of the line informed me.
“I do know. Yes, I’ll surely make it before six, though”.

After five minutes driving in the taxi, I received a call back and am told by a male voice that it would be no longer possible to come. “Come again? I’m in the taxi already and on my way”, I replied. He was sorry, he said, but a visit would be – for organisational reasons he wasn’t authorised to explain – not going to happen today. I tried to persuade him to bring our midfielder to one of the gates or a fence – at least – so that I could see and talk to him from the other side. I even promised not to touch him. However, the guy just said that he wasn’t authorised to permit this and that I could come the next day at 10h00. Totally upset, I asked the driver to return to the airport, where I got out again. Alone, in the rain, I was back at the airport.

Thursday morning: I was off to Niendorf, a district in the north of the city, where the deportation facility is located. Through the rain, I passed detached houses and a fence, cross the ground of the local sports club and enter a wood. From this club’s parking lot, I called the number on the washed-out paper, which was covered in a transparent film and taped to the gate: “Deportation Detention Facility Hamburg. Visitors register here” (followed by phone numbers). The man on the line answered: “We’re coming”. Coming to where, I asked myself.

Through trees and underbrush, behind another fence wrapped in barbed wire you can see white-blue containers. Alright, this is what they mean with “where”: the massive iron-gate, through which you can only just guess the silhouettes of three or four people in the drizzle. Behind a fence “secured” with barbed wire.

“I have an appointment for 10 o’clock”, I explained clumsily. “Okay, come in. First go through the gate, then through the entrance door”. The gate opened, closed, the door opened, closed.

Holy shit, what a terrible place they have brought our FCLSP player to. All alone – on top of that!

On the one hand, it is actually a sort of relief to know that this place doesn’t have even more people forced to be waiting for their deportation. In the middle of a wood, behind barbed wire, in a jail made of stacked containers. But an entire jail for just one player of FC Lampedusa St. Pauli? Hard to take, all alone in the middle of nowhere.

He is only the fifth detainee in the “departure custody” that the Hamburg foreigners’ registration office erected near the airport only recently, after “two Azerbaijani, one Armenian and one Egyptian”, according to a local newspaper. For only four days, the registration office is permitted to detain refugees in their own jail.

Then I’m let in with my trolley bag which I – after the return from Barcelona – emptied quickly in order to repack it for our Habibi, so that he has at least his stuff. Into jail, for the plane, to deportation!

There’s not much that he can call his belongings: in about 2 years after having left his home country, looking for, as he said, “for a place where he can just be what he is and where he can live in peace.” Approximately two years of incomprehension, container camps, summons, harassment, rejection, escape, loneliness, speechlessness and the constant fear of getting detained and deported. Back, back to… back to where?

Back to where he, for good reasons, jumped at the first opportunity offered to get away from? Back to where there was and still awaits only incomprehension, harassment, rejection, loneliness and things being even worse? Back to a country and a society that has been broken, torn apart, destroyed, brutalised and traumatised by war and the legacy of it? Back to where there is misery, displacement, corruption, intolerance and hopelessness? Cooped-up and barred at a place where there’s nothing?

The place where he was actually born but doesn’t have to live his whole life. What sort of person is entitled to decide upon where other people may live and where they may not? And who are the people assuming they have the power to decide upon it?

In the office, I’m greeted by two female and three male officers from the foreigners’ registration office. At the door, through which I entered, stands a female employee from the security company, with her male colleague at the other. One of the female registrations office clerks introduces her to me and requests my ID. A phone call is made asking if I’m permitted to enter at all.

“Negative!” – “I’m sorry? Oh, stop it, you sent me away yesterday already. I’m bringing his belongings.” – “But, be happy, ‘negative’ at us means ‘positive’!”

It is, for sure, another world.

She assigns me a shelf in a locker where I have to put everything I’m not permitted to take in with me: my jacket, bag, money etc. Then, all men left the office and a second female security person entered, taking position at the other door. Now, exactly four women are in the room with me. First, I have to remove my shoes, pull down my knee socks, take off my jumper, open my trousers, then I have to stand against the wall. There is a particular piece of carpet you have to stand on. Spread eagled and facing the wall I am roughly frisked at first, like at any FCSP home game, before things turn into a real body search: putting hands down and lifting t-shirt and tank top, showing bare back, turn around, showing bare breast, turn around, hands back against the wall. “It is for his own safety”, the lady did claim.

Without words! In the end, I’m allowed to put my hands down, turn my face away from the wall and to put my clothes back on. But I’m not permitted to sit on her chair again while putting my shoes back on.

Then, the men come back in. They search the trolley case.

All pieces of clothing are unfold one by one, touched and searched and the empty case is checked thoroughly. When I said that it was checked only the day before at Barcelona Airport, someone snapped at me that, “This is Schengen area. Nothing is checked in this.” Well, I do hope it’s not right!

Half an hour later, the (mostly sports) clothing is unpacked, searched and at least somewhat acceptably repacked. Meanwhile, the “suitcase search officer” tried to start a chatting about football – FC St. Pauli, Altona 93 and FC Barcelona. He’d be a football fan himself, he said, and would be familiar with it. “How was Barcelona?” he asked. “You’ve certainly been in Camp Nou, right?” When he told me that I could not take the freshly searched Barça gift bag into the jail, we – after all, we’re “football fans” – agreed on that I could take the Barcelona gifts in their original package into the jail, showing him them, bringing them back outside where he could check them once again and then put them into the suitcase.

So things go – apparently – among “football fans” only!

Then I’m finally allowed in. However, I don’t know where to go as I’m, fortunately, not familiar with this place. Then, they bring me to our Habibi who waited for me inside an unbelievably ugly, uncomfortable, bare and cold visitors’ room. He looked pale, skinny and overtired. No surprise, given this terrible and lonely place. But still he was being brave. We hug and talk about the situation “in there”. He asked about our time in Barcelona and that he didn’t want to spoil our great trip. Which is also why he insisted to us not to tell anyone about his terrible situation. He’d been so sorry, he said.

And how we were sorry. After all, it’s not us being put into jail without warning and facing deportation the next morning. A situation terrible to imagine. However, impossible to be stopped, despite all endeavours of his barrister. What a shame!

And, in midst of all horrors, we also did have an occasional laugh.

Brave young FC Lampedusa St. Pauli player!

But now we really would have to come to an end, as it was past 12 o’clock already, the security person in the corner watching the visit, informed us. I went back to the office, returning the Barcelona gifts and then, to the foreigners’ registration office clerk, who’s authority operates a jail where they detain people for the only purpose of deporting them. Unexpectedly, the clerk tells me that he knows who I am, that he – pointing to the hall, where our dear brother and FCLSP player is standing and looking at me for the last time through the open door, knows who HE is, that he knows what WE do and that HE plays for our team. He’s interested in football as well and finds FCLSP such a great project.

If this is the case, then he should release our central midfielder right now, I say.

“Well”, THIS he, of course, couldn’t do – but why can’t he?

The next morning, on Friday, 2 December 2016 at 7 pm the FC Lampedusa St. Pauli player, our Habibi, our bro and friend, was deported by plane from Hamburg Airport.

On a home game day of FC St. Pauli!

(Original version(s) available on http://fclampedusa-hh.de/?cat=2; English version: Thomas, Nick)

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