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Ein Sonnabend im Oktober. Szenen einer VerAbschieBung.

Zentraler Busbahnhof der ‘Freien’ und Hansestadt Hamburg. Busdrehkreuz am ‘Tor zur Welt’.
Eine ältere Dame beobachtet das Geschehen, seit 2 Stunden steht sie da jetzt schon.
Bewegt sich die Gruppe, bewegt sie sich mit ihr, wie ein Schatten. Sie versucht herauszufinden, worum es hier geht, was das für eine Konstellation von Menschen ist. Fragen tut sie nicht.
Das haben andere Passagiere schon getan. So konnte sie ein paar Information ergattern. “Ah, ein Fußballteam? Das ist ja toll! Und wo fahren Sie hin?” fragen uns die AIDA-Kreuzfahrtgäste, die in langer Schlange auf ihren Bus warten.

Wir, also unser WIR fährt heute nirgendwo hin. Leider!
Wir würden jetzt auch lieber woanders hinfahren, zu einem schönen Freundschaftsspiel zum Beispiel oder einem Turnier mit und bei Freund_innen. ‘Nein, wir müssen uns heute leider schon wieder von zwei Spielern verabschieden, zwei unserer Brüder und deren Familie müssen das Land verlassen!”, erklärt einer unserer Spieler. „oh nein, das ist ja schrecklich“, sagt eine Lady, „warum“?, fragt eine andere. Die Spieler des FC Lampedusa St. Pauli erzählen den wartenden Menschen die Geschichte der letzten zwei Jahre, die Geschichte von Hoffnung und Warten, von Panik und der ständigen Angst davor, mitten in der Nacht von der Polizei – wie ein anderer unserer Mitspieler und seine Familie – abgeholt zu werden, obwohl der juristische Beistand sagte, die Familie brauche sich keine Sorgen zu machen.
Die Leute merken, dass es den Spielern nicht leicht fällt darüber zu reden, sie sehen in ihren Gesichtern die Angst, die Angst davor, dass sie die nächsten sein könnten. Viele der wartenden Tourist_innen haben Kinder, Kinder im gleichen Alter. Es sind ja Herbstferien in Hamburg, noch mal schnell raus aus dem Hamburger Schmuddel, ‘nochmal Sonne tanken’, ein paar Tage faulenzen an Deck, jenseits von Schulstress und Notendruck.

Diese beiden Jungs und ihre drei kleineren Geschwister, die mit ihrer alleinerziehenden Mutter in einer Stunde Hamburg und ihre Fußballfamilie verlassen müssen, würden nichts lieber tun, als sofort mit ihnen zu tauschen, Schulstress und Notendruck inklusive. Sie müssen weg, ‘RAUS’, mitten im Schuljahr, mitten in den Ferien, ohne sich von ihren Schulfreund_innen und Lehrer_innen verabschieden zu können, ohne Zeugnisse ausgehändigt zu bekommen, die die Voraussetzung dafür sind, in ihrem sogenannten ‘sicheren Herkunftsland’, die Schule besuchen zu können. Vorausgesetzt man hat das nötige Kleingeld und gehört nicht zu einer ethnischen Minderheit, versteht sich.

Immer mehr Spieler kommen zum ZOB (Zentraler Omnibusbahnhof), begrüßen ihre ‘Bros’ und wüsste man nicht, worum es hier gerade geht, könnte es wirklich wie ein ganz normales Wochenende im Leben des FC Lampedusa St. Pauli aussehen.

Sie unterschreiben alle auf einem nagelneuen Ball, der sich leise und ohne den Boden zu berühren zugeworfen wird. Er soll ja nicht schmutzig werden. Der deutsche Dreck soll gefälligst hier bleiben, sagt einer der Spieler sinngemäß. Ablenkung. Das Gefühl haben, zusammen zu sein in dieser harten Zeit.

Zum Glück scheint wenigstens die Sonne. In der ‘Heimat’, die die Grösseren nur “Zurück” nennen und unter der sich die kleinen Geschwister so rein gar nichts vorstellen können, ist der Winter schon im Anmarsch. Gestern wurden noch schnell neue Winterjacken gekauft, erzählt uns R., der nette Rentner, der sich die letzten Jahre so herzlich um die Familie gekümmert hat. Er ist dann auch derjenige, der mit dem Busunternehmen im Büro das Gespräch sucht, als sich die Busfahrer aus der “neuen alten Heimat” weigern, das viele Gepäck mitzunehmen. Zwei Jahre Leben in Hamburg liegen auf dem Bahnsteig, eine grosse, buntkarierte Plastiktasche pro Person. Die Frage der Mutter, wie hoch der Aufpreis sei, dass sie ja gerne dafür bezahle, wird nicht beantwortet. Erste Eindrücke für Außenstehende wie sich das Schicksal dieser Familie in ca. 21 Stunden fortsetzen wird. Dazu muss man nicht die gleiche Sprache sprechen, um zu sehen und zu verstehen, wie rassistisch und diskriminierend die Zukunft dieser Roma-Familie aussehen wird.

Die ältere Lady beobachtet weiterhin das Geschehen, man hat sie schon fast mit aufgenommen in unsere Trauergemeinde. Einer der Spieler und seine große Liebe müssen sich verabschieden, das wahrscheinlich größte und herzzerreißendste Drama an diesem sonnigen Vormittag. Sie darf bleiben, er muss ‘RAUS’, alles, was diesen beiden Menschen im letzten Jahr ihr extrem schwieriges, junges Leben versüßt hat, wird ihnen jetzt genommen. Für Menschen in diesem Alter sind 9 Monate – so lange gilt die Einreisesperre für die gesamte Familie – verdammt lang, zum heiraten sind sie noch zu jung, sonst hätte man diese wundervolle Liebe nicht so einfach auseinander reißen können.

Während das Team immer noch auf die Busfahrer einredet, bricht immer wieder eine_r in Tränen aus. R., die gute alte Seele, kommt mit der positiven Nachricht zurück, dass das Gepäck gegen Aufpreis nun tatsächlich doch mit dürfe. Alle helfen das Gepäck so platzsparend wie möglich zu verstauen, die FC Lampedusa St. Pauli Spieler klettern in den Bauch des Busses und packen und stapeln Taschen und Koffer. Es werden ja noch weitere Leute auf der langen Reise zusteigen, Einige wahrscheinlich mit ähnlichen Schicksalen.

Während wir im Tränenmeer versinken, mit den inzwischen wohl gestimmten, fast schon verbrüderten Busfahrern letzte Fotos machen, fragt sich die ältere Dame sicherlich, ob es bei dem
älteren Herrn, der sich so warmherzig um alles kümmert, wohl auch so angefangen hat wie bei ihr,
an diesem Sonnabend im Oktober.
Vielleicht sollte sie sich auch mal eine Familie suchen und sie unterstützen?

Wir wissen es nicht. Was wir allerdings wissen, ist, dass wir das emotional nicht jedes Wochenende aushalten können und wollen.

Deswegen machen wir weiter und hoffen, dass wir noch mehr Aufmerksamkeit schaffen werden, noch mehr Kräfte bündeln und mit unserer Fußballfamilie unseren Teil dazu beitragen, eine bessere Welt zu schaffen, eine Welt in der jeder Mensch ihren oder seinen selbst auserwählten Platz findet, egal wo das auch immer ist. Eine Welt in der alle Menschen leben können, wo sie wollen, wo sie sich zuhause fühlen, wo sie sein dürfen, wie sie sind und wo es keine Rolle spielt in welcher Region dieser einen Welt man das Licht der Welt erblickte, bzw. die Eltern geboren wurden.
Alle bleiben – wo sie wollen!
here to play – here to stay!

Euer FC Lampedusa St. Pauli

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