Von Bussen, die nachts die Kinder abholen und desinfizierten Teddys

Am Freitag den 2.12.2016 um 7.00 Uhr morgens wurde leider erneut ein Spieler des FC Lampedusa St. Pauli abgeschoben, nachdem er drei Tage im neuen sogenannten „Ausreisegewahrsam“ der Ausländerbehörde am Hamburger Flughafen gefangen gehalten wurde. Er war dort der 5. Gefangene in der Hamburger Geschichte überhaupt und saß da als einziger Häftling ein – bis zu seiner Abschiebung im Morgen-Grauen!

Am Montag den 5.12.2016 fahren wir, zwei Trainerinnen des FC Lampedusa St. Pauli in die Erstaufnahme für Flüchtlinge in die Schmiedekoppel nach Niendorf. Wir haben uns extra ein Cityauto gemietet, um die zurückgebliebenen Sachen unseres abgeschobenen Spielers in der Flüchtlings-Unterkunft abzuholen.

Am Vormittag hatten wir angerufen: „Hallo, wir sind Freundinnen von R., wie Sie ja wissen wurde er am Freitag abgeschoben. Das Abschiebegefängnis hat ja schon am Mittwoch seine Zimmerschlüssel zurückgeschickt, hat man mir bei meinem Besuch am Donnerstag dort gesagt. Ich habe auch eine Vollmacht von ihm, dass wir seine Sachen abholen dürfen. Können wir um 14.00 Uhr vorbei kommen? Hallo, Hallo, sind Sie noch da? Hallo?“.

Die Frau am anderen Ende der Leitung, nennen wir sie Petra, ist hörbar geschockt: „Ähm, was, davon weiss ich ja gar nichts, das ist ja schrecklich! Wie abgeschoben, am Freitag? Wieso Ausreisegewahrsam? Wie seit Dienstagmorgen? Uns hat überhaupt niemand informiert, ich weiss von nichts, das ist ja schrecklich! Wie war noch mal der Name? Vorbeikommen wollt ihr, eine Vollmacht habt ihr, abgeschoben ist er, wie schrecklich, ja ja, kommt um 14.00 Uhr!“

Unser Teilzeitauto hat einen Navi und so wissen wir, dass wir mehr oder weniger zum Trainingsgelände unseres FC St. Pauli fahren müssen, um dann in einem grösseren Bogen, durch eine Art „Wildnis“ zur Erstaufname zu gelangen. Links und rechts der kleinen Straße abgehängte Bauzäune, rechts, eine Art einstöckige Container-Reihenhaus-Siedlung, mit Gässchen und bunter Wäsche, die im schmuddeligen Hamburger Wetter, über grossen Pfützen im kalten Wind flattert.

Wir müssen nach links. Am mit grüner Plastikfolie blickdicht gemachten Bauzaun hängt ein Schild, ‘ASB Flüchtlingshilfe’ . Wir sind ein bisschen irritiert. “Flüchtlings-Hilfe“?

Wir gehen durch ein offenes massives Eisenrolltor zum Security-Container, zwei Männer in Wachdienst-Uniformen stehen links und rechts, durch die Luke, ins Innere hinein, versuchen wir zu erklären, wer wir sind und was wir wollen. „Wir sind mit Petra…. verabredet“, sagen wir, haben aber den Nachnamen irgendwie falsch abgespeichert. Es wird gerätselt, gefragt, vorgeschlagen und telefoniert. Es käme gleich jemand und würde uns abholen, heisst es aus dem Inneren der „Pförtner-Loge“. Wir sollten uns schon mal in die Besucher-Liste eintragen. Wir stehen bibbernd im Dezember-Schmuddel und beobachten einen Jungen, der mit einem kaputten Ball Fußball spielt. Alleine ist irgendwie doof und so fängt er an mit einem Wachmann, mit Musikknöpfen in den Ohren und Händen in den Hosentaschen, die schlaffe Pille hin und her zu kicken. Schon kullert der Ball zu einer von uns und so passen wir uns zu dritt den Ball hin und her. Eine skurrile Situation – oder vielleicht auch nicht.
Ein weiterer kleiner Junge kommt hinzu und so spielen die beiden erstmal munter zusammen, geraten aber bald in Streit und fangen an sich ein bisschen zu prügeln. Der Security-Mitarbeiter nimmt die Hände aus der Tasche, schnappt sich das weinende, um sich schlagende Kind von vielleicht 5 Jahren, hält ihn fest im Arm und redet beruhigend auf ihn ein. Der andere, gleichaltrige Junge, versucht uns, die wir immer noch warten, dass wir abgeholt werden, zu erklären, dass natürlich der andere angefangen hätte. Irritierende Situation, der uniformierte Streitschlichter – vielleicht aber auch nicht. „Flüchtlingshilfe“. Steht ja am Tor!

Endlich kommt Petra, ganz aufgelöst, es täte ihr so leid, sie hätte vergessen uns anzurufen, wir könnten nun doch nicht die Sachen unseres Spielers abholen. Der zweite Bewohner des Zimmers sei weg gegangen.

Wie bitte? Also bestehen wir wieder einmal darauf. Wir hätten uns heute extra frei genommen, ein Auto besorgt, seien hierher gefahren und das, da es sich ja nicht um ein Gefängnis handelt, der Mann kommen und gehen könne wann immer er wolle. Von daher macht es ja überhaupt keinen Sinn, darauf zu hoffen, das er irgendwann im Zimmer wartet, bis irgendwelche Leute, irgendwelche Sachen, des anderen, seit Tagen nicht mehr dagewesenen abholen kommen.
Ja ja, aber die Privatsphäre, nein also, sie wäre überhaupt noch nie in einem Zimmer gewesen,
wenn dort kein Bewohner anwesend sei, das könnte sie echt nicht tun.

Wir gucken uns an und um. Wir stehen in einem großen Container-Lager auf einem ehemaligen BMW-Autohaus-Parkplatz, der Boden kahl, und mit großen, tiefen Pfützen überzogen. Doppelstöckig stehen die Container dicht an dicht, dazwischen enge Wege. „Links und rechts der Straße sind insgesamt 850 Menschen untergebracht“, sagt Petra.
Wer durch das Rolltor geht, muss sich beim Wachdienst ausweisen, und seinen Namen, Uhrzeit, und so weiter in eine Liste eintragen, egal in welche Richtung, ob raus oder rein.

Wir stehen immer noch draussen, es nieselt, unsere Füsse und Hände sind kalt und es fängt schon an dämmerig zu werden.
Also wir gehen hier nicht weg ohne die Sachen unseres Spielers. Punkt, aus, basta!

Also wenn das so ist, dann müssten wir mal ihren Vorgesetzten fragen. Wir gehen zusammen zum Büro-Container, mit der Aufschrift „Flüchtlingshilfe-Büro“, bleiben weiterhin in der Kälte stehen und ein Mann wird nach draussen geholt. Also sie hätte überhaupt niemand über die Abschiebung informiert, sie wüssten von nichts und überhaupt, würden sie nie informiert.
Ob er denn die Vollmacht unseres FC Lampedusa St. Pauli Spielers haben könnte und wir hätten ja sicher den Zimmerschlüssel dabei und noch wichtiger: den Schlüssel seines Schrankes, oder?
Er wüsste von nichts und wie denn nochmal der Name unseres Freundes sei.

Also. Alles. Nochmal. Ganz. Langsam:
Unser Spieler wurde am Dienstag, den 29.11. morgens in der Ausländerbehörde einfach verhaftet, in den sogenannten „Ausreisegewahrsam“ gebracht, dort drei Tage eingesperrt und am Freitag,
den 2.12. um 7.00 Uhr ABGESCHOBEN!

Am Donnerstag den 1.12. war eine von uns im Abschiebeknast und dort wurde:

1. eine Vollmacht unseres Spielers geschrieben, dass wir seine Sachen abholen dürfen.

2. von der Gefängnisleitung behauptet, in einem direkten Gespräch (von Angesicht zu Angesicht), dass sie die Schlüssel der Erstaufnahme bereits an die Unterkunft zurückgeschickt hätten, da „die Leute“ sie sonst immer mitnehmen würden.

3. versprochen, in der Schmiedekoppel anzurufen bzw. ein Fax zu schicken, um die Unterkunft in Kenntnis zu setzten und mitzuteilen, dass am Montag Freundinnen kämen, um die restlichen Habseligkeiten des Insassen und dann schon Abgeschobenen abzuholen.

Nichts davon ist passiert!

Tja, also, dann würde er jetzt mal da anrufen und anfragen, er wüsste jetzt auch nicht so recht, was zu tun sei. Nach einer Weile kommt er wieder aus dem Büro, gibt uns das Original der Vollmacht wieder zurück und teilt Petra und uns mit, dass das Abschiebegefängnis die Abschiebung bestätigt habe, der Schlüssel sei wohl irgendwie unterwegs oder so und in diesem Falle würde jetzt mal der Hausmeister, mit dem Generalschlüssel gerufen. Wir könnten ja schon mal vorgehen und im Container warten, sei ja doch recht kalt und feucht.
Gute Idee!

Also gehen wir schräg gegenüber in einen der Container, und warten auf den Hausmeister.
Es kommt ein junger Typ mit einer riesigen Brechstange in der Hand. Oha, gibt es keinen General-Schlüssel? „Der ist für das Schrankschloss“, werden wir beruhigt, aber Moment mal, ach nein, das Zimmer ist ja oben. Also raus, die eiserne Treppe hoch, durch die Tür und rein in einen sehr schmalen Flur, mit der riesigen Brechstange. Die anwesenden „Bewohner“ haben richtig Angst vor uns und starren uns fast panisch an. Ein Mann möchte in sein Zimmer gehen, traut sich aber nicht an uns vorbei, wir bemerken es und treten beiseite im engen Flur. Zwei fremde Frauen, eine Mitarbeiterin und ein Mann mit einer riesiger Brechstange!
Das ist das schlimmste an der Situation, dass geflüchtete Menschen sich vor uns ängstige, Ein Alptraum!

„Also nein, wirklich“, sagt Petra, sie wäre noch nie in einem Zimmer gewesen ohne die Bewohner, sie könne das nicht machen. Wir beruhigen sie, dass all seine Sachen im linken Schrank seien, wir nichts anfassen würden und sogar genau wüssten, was sich im Schrank befindet. OK. Der Hausmeister schliesst das Zimmer auf und wir zeigen auf den linken Schrank. Das Zimmer ist winzig, es passen genau zwei Betten, ein Tisch, ein Stuhl und zwei Spinde rein. Der da, ja genau und drinnen liegt eine hässliche Deutschland-Fleecejacke von der Deutschen U21-National-Mannschaft, ein Geschenk von Christopher Avevor vom FC St. Pauli.
Wir gucken uns an, wir gucken den Hausmeister an, wir gucken Petra an – die Schränke kann man gar nicht abschliessen, sie haben nur Drehknöpfe! Das dazu.

Wir bitten den Hausmeister, den Knopf zu drehen und er zieht die Deutschlandjacke aus dem Schrank. Ja genau, das sind die Sachen unseres FC Lampedusa St. Pauli Spielers, die nehmen wir jetzt mit. Viel ist es nicht. Schnell packen wir die paar Sportsachen aus Christopher Avevors Kleiderspende, ein paar Badezimmerutensilien und etwas Papierkram in eine Tasche und verlassen den Container, inklusive völlig überflüssiger Brechstange, damit sich die Menschen nicht mehr vor uns fürchten müssen!

Wieder draussen erzählt uns Petra, dass insgesamt 850 Menschen hier untergebracht sind und das sie es so traurig findet, dass einige ganz plötzlich einfach weg sind und dann zeigt sie auf das einstöckige Container-Lager auf der anderen Straßenseite und sagt:
„Und in der Nacht kommen die Busse und holen die Familien mit deren kleinen Kindern ab!“
Wie bitte?

Ja, sie würden überhaupt nicht informiert, dann kämen nachts die Busse und holten die Kinder ab. Am Morgen wären nur noch die Teddys da, die würden sie dann desinfizieren, damit man sie weiter verteilen kann. Was?

Ja, und dann bekämen die nächsten Kinder wieder die Teddys, bis dann auch sie nachts abgeholt werden und wieder nur Teddys zurück blieben, die dann wieder desinfiziert würden – was sollten sie denn machen, sie wüssten ja von nichts, sie würden überhaupt nie und von niemandem informiert.

Wir sind geschockt. Ihr könnt euch sicher denken, was für Assoziationen uns durch den Kopf gehen. „Das geht doch nicht, hier kannst du doch nicht arbeiten“, sagen wir zu ihr.
Ihr stehen schon fast die Tränen in den Augen.
Das sei die Unterkunft für Familien, hauptsächlich vom Balkan, sagt sie leise und da kämen halt nachts dann die Busse. Die seien dann einfach weg und nur die Teddys seien noch da.
Petra guckt uns mit verzweifelten, traurigen Augen an.

Nein Petra, hier kannst du nicht arbeiten, das geht einfach nicht!
Du kannst doch nicht mitmachen, bei so etwas!
Du kannst doch nicht in einem Flüchtlings-Lager arbeiten, wo in der Nacht Busse Kinder abholen.
Wo morgens nur noch die zurückgebliebenen Teddys liegen – die dann desinfiziert werden. NEIN!

Verstört trotten wir durch die Dämmerung, mit unserer Tasche voller Rasierwasser, Seife, Jogginghosen und DER Deutschland-Fleecejacke zum Tor, tragen uns am Security-Container wieder auf der Liste aus, werfen ein kurzes ‘Tschüss’ in die uniformierte Runde und gehen auf die kleine Straße.

Wir schauen auf die andere Straßenseite, über den verhängten Bauzaun, zu den Container-Reihen, mit der nassen Wäsche auf der Leine, dorthin, wo die desinfizierten Teddys wohnen.

Wie viele Kinder die wohl schon versucht haben zu trösten – bis und wenn die Busse kommen – vollgesogen mit Desinfektionsmittel – die traurigen Teddys – wenn die sprechen könnten!

Bevor wir ins Auto steigen gucken wir nochmal zurück.
„EA Schmiedekoppel, ASB Flüchtlings-Hilfe“ steht auf dem Schild!

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Zu Besuch beim Zentralen Mittelfeld des FC Lampedusa St. Pauli im Abschiebeknast

“Ich weiß wer SIE sind, ich weiß wer ER ist und ich weiß auch, das ER bei Ihnen Fußball spielt – ich finde das so ein tolles Projekt“
Verantwortlicher Beamter im „Ausreisegewahrsam“ am Hamburger Flughafen

Zu Besuch beim Zentralen Mittelfeld des FC Lampedusa St. Pauli im Abschiebeknast.

In Hamburg betreibt die Ausländerbehörde seit Oktober 2016 ein eigenes Gefängnis.
Dort arbeiten ausschließlich Mitarbeiter_innen der Hamburger Ausländerbehörde und des privaten Sicherheitsdienstes WEKO. Sachbearbeiter_innen der Ausländerbehörde verhaften in ihren Räumen Menschen, lassen sie von ihren eigenen Leuten in ihren eigenen Knast bringen und bewachen sie dann dort auch noch selber, bis sie sie nach bis zu vier Tagen eigens zum Abschiebe-Flieger bringen. Was ist das denn eigentlich genau?

Nachdem wir, der FC Lampedusa St. Pauli am Mittwoch, dem 30.11. aus Barcelona kommend am Hamburger Flughafen gelandet waren, haben wir sofort im Abschiebegefängnis angerufen und gefragt, ob eine von uns unseren eingesperrten Habibi dort besuchen könne, da wir ja auch am Flughafen seien. Der Mann am Telefon sagte, die Besuchszeit ende um 18.00 Uhr und wenn wir uns beeilen, könne man noch kommen. Wer denn genau kommen wolle?
Eine Freundin, sei ich und wir kämen gerade aus Barcelona und seien erschüttert, das unser Bruder dort einsitzen würde. Einen Ausweis hätte ich dabei und würde jetzt unser Fußballteam am Flughafen stehen lassen, ihnen meinen Koffer aufs Auge drücken und mich sofort in ein Taxi werfen. Das sei aber nicht direkt am Flughafen, sondern ganz auf der anderen, westlichen Seite des Flughafen-Geländes, sagte die Stimme am anderen Ende des Telefons. „Ja ja, das schaff ich schon vor 18.00 Uhr“, entgegnete ich.

Nach 5 Minuten Fahrt, im Taxi erhielt ich einen Rückruf auf meinem Handy und die männliche Stimme sagte, ich könne nun doch nicht kommen. Was, das ginge jetzt aber nicht mehr, da ich bereits im Taxi und schon auf dem Weg sei, sagte ich. Es täte ihm leid, aber das würde heute – aus organisatorischen Gründen – nichts mehr werden, die er aber auch nicht erläutern dürfe. Ich versuchte ihn zu überreden, unseren Mittelfeld-Spieler dann von innen an ein Tor, oder an einen Zaun zu bringen und ich käme dann von außen, so dass wir uns wenigstens kurz sehen und reden könnten, wir würden uns auch nicht anfassen, versprach ich. Aber er sagte nur, das dürfe er nicht und ich könnte ja morgen um 10.00 Uhr kommen. Stocksauer ließ ich das Taxi umdrehen und stand dann wieder am Flughafen, alleine im Regen.

Donnerstagmorgen fahre ich nach Niendorf, in den Rahmoor 1, hinter den Einfamilien-Häuschen, hinterm Zaun, aufs Gelände des Flughafensportvereins, in den Wald hinein, durch den Regen und rufe vom Parkplatz des Sportvereins die Nummer an, die auf einem verwaschenen Zettel in Klarsichtfolie am Tor zum Vereinsgelände befestigt ist: “ Ausreisegewahrsam Hamburg, Besucher hier melden, Telefonnummern“. Der Mann am Telefon sage: „Wir kommen vor.“ Wo ist denn „vor“ – frage ich mich?

Durch Bäume und Gestrüpp hindurch sieht man weiss-blaue Container in der Ferne, hinter einem hohen weiteren Zaun umwickelt mit Stacheldraht. Aha, da ist wohl vor, am massiven Eisentor, hinter dem man die Silhouetten von drei bis vier Personen im Nieselregen schwach erkennen kann. Eingezäunt und mit Nato-Draht „gesichert“..

„Ich bin angemeldet für 10.00 Uhr“, versuche ich ungelenk zu erklären. „Ja ja, kommen sie rein, erst durchs Tor, dann durch die Eingangstür …“ Schließ auf, schließ ab, schließ auf, schließ ab.

Ach nein, was für ein schrecklicher Ort und hier haben sie ihn hingebracht, unseren FCLSP-Spieler und eingesperrt. Ganz alleine auch noch!

Einerseits ja auch ganz tröstlich, dass nicht noch mehr Menschen im ‘Ausreise-Gewahrsam’ auf ihre Abschiebung warten müssen, mitten im Wald, hinter Stacheldraht, im Gefängnis aus aufgestapelten Containern. Aber gleich ein ganzes Gefängnis für einen einzigen FC Lampedusa St. Pauli-Spieler? Allein, in the middle of nowhere, kaum auszuhalten.

Er ist der insgesamt 5. Insasse überhaupt, im neuen ‘Ausreisegewahrsam’ der Ausländerbehörde am Hamburger Flughafen, nach „zwei Aserbaidschanern, einem Armenier und einem Ägypter“, wie der Presse zu entnehmen war, ist das eigentlich Zufall mit dem ‘A’? Ganze vier Tage darf die Ausländerbehörde Geflüchtete in ihrem eigenen Gefängnis gefangen halten.

Dann werde ich rein gebeten, mit meinem Rollkoffer, den ich gestern Nacht, nach der Rückkehr aus Barcelona einfach ausgeschüttet hatte, um ihn für unseren Habibi neu zu bestücken.Ihm wenigstens seine Sachen noch bringen zu können. Ins Gefängnis! Zum Flieger! Zur Abschiebung!

Viel ist es nicht, was er besitzt, knapp zwei Jahre nachdem er sein Geburtsland verlassen hat, auf der Suche nach, wie er sagt, einfach nur einem Plätzchen, wo er sein darf, wie er ist und wo er in Frieden leben kann. Fast zwei Jahre Unverständnis, Containerlager, Vorladungen, Schikane, Ablehnung, Flucht, Einsamkeit, Sprachlosigkeit und die ständige Angst davor eingesperrt und deportiert zu werden. Zurück, zurück. Aber, wohin denn eigentlich zurück?

Zurück dahin, wo er aus guten Gründen, die erste Chance wahrgenommen hat, die sich ihm bot abzuhauen? Wo es auch fast nur Unverständnis, Schikanen, Ablehnung, Einsamkeit und noch Schlimmeres gab und gibt? In ein Land und eine Gesellschaft, zerrüttet, zerrissen, zerstört, brutalisiert und traumatisiert von Krieg und Nach-Krieg. Von Elend, Vertreibung, Korruption, Intoleranz und Hoffnungslosigkeit! Ein- und ausgesperrt im N-Irgendwo?

Wo er vielleicht geboren wurde, aber doch nicht sein ganzes Leben zu verbringen hat. Wer darf denn darüber bestimmen, wo ein Mensch leben darf und wo nicht? Und wer sind denn eigentlich diese Menschen, die sich anmaßen, darüber entscheiden zu dürfen?

Im Büro warten gleich zwei Frauen und drei Männer von der Ausländerbehörde. An der Tür, durch die ich gekommen bin, steht eine Angestellte der Sicherheitsfirma, an der anderen Tür ihr männlicher Kollege. Eine Frau der Ausländerbehörde stellte sich mir vor und verlangt meinen Ausweis. Es wird telefonisch eine Abfrage gemacht, ob ich überhaupt rein darf.
„Negativ!“ – „Was?, nein, jetzt hört es aber auf, Sie haben mich gestern schon weggeschickt, ich bringe hier heute seine Sachen!” – “Freuen Sie sich doch, bei uns heißt negativ, positiv!’.”
Ist eben eine andere Welt.

Sie weist mir ein Fach in einem Schrank zu, wo ich alles reinlegen solle, was ich nicht mit rein nehmen dürfe, Jacke, Tasche, Geld, etc. Dann gehen alle Männer raus und eine zweite Security-Mitarbeiterin kommt rein und stellt sich an die andere Tür, nun sind genau vier Frauen und ich in dem Raum. Als erstes muss ich meine Schuhe ausziehen, die Kniestrümpfe runter schieben, den Pullover ausziehen, die Hose aufknöpfen,, um mich dann an die Wand stellen zu müssen. Ees gibt extra ein Stück Teppich, auf das man sich zu stellen hat. Mit dem Gesicht zur und den Händen an der Wand werde ich von oben bis unten abgetastet, von erst einmal grob drüber, ungefähr so, wie vor dem FC St. Pauli-Heimspielen, bis es dann doch eher in eine regelrechte Leibesvisitation übergeht, inklusive Hände runter nehmen, damit T-Shirt und Unterhemd hochheben. Einmal nackten Rücken zeigen, umdrehen, einmal nackte Brust zeigen, umdrehen, Hände wieder an die Wand! „Das diene ja schließlich in erster Linie – seinem Schutz“ behauptet sie auch noch.
Ohne Worte! Am Ende darf ich die Hände runter und das Gesicht von der Wand drehen und mich auch wieder anziehen. Nur nicht wieder auf ihren Stuhl setzen, beim Schuhe anziehen, gefälligst.

Dann kommen all die Männer wieder rein und es geht an den mitgebrachten Koffer.
Alle Kleidungsstücke werden einzeln aufgefaltet, befummelt und durchsucht, dann der leere Koffer akribisch unter die Lupe genommen. Als ich sage, dass der gestern schon vom Airport Barcelona durchleuchtet wurde, werde ich gleich angeblafft, das sei ja „Inner-Schengen’. Da werde gar nichts kontrolliert. O ha, hoffentlich stimmt das nicht!

Nach ca. einer halben Stunde sind die zumeist Sportklamotten ausgepackt, durchsucht und halbwegs akzeptabel wieder eingepackt, der ‘Koffer-Durchsuchungs-Beamte’ versucht ein Gespräch über Fußball, den FC St. Pauli, Altona 93 und den FC Barcelona anzufangen. Er sei ja auch Fußballfan und kenne sich aus. Wie es denn in Barcelona gewesen sei, wir seien doch sicher auch im Stadion gewesen. Oder? Als er mir dann mitteilt, ich dürfe die gerade durchsuchte Barça-Geschenktüte aber nicht mit rein nehmen, haben wir uns dann doch unter ‘Fußballfans’ darauf geeinigt, dass ich die Barcelona Mitbringsel in der Originalverpackung mit rein nehme, zeige, sie dann wieder mit raus bringe, er sie dann nochmal kontrollieren kann und dann in den Koffer legt.
So läuft das dann – scheinbar – aber nur unter „Fußballfans“!

Dann darf ich endlich gehen, weiß aber nicht wohin, kenne mich dort zum Glück ja nicht aus und werde dann doch zu unserem Bruder gebracht, der in einem unglaublich hässlichen, ungemütlichen und kahlen, kalten Besucherzimmer auf mich wartet. Er sieht blass, dünn und übernächtigt aus, kein Wunder, an diesem grauenhaften, einsamen Ort. Dafür hat er sich aber tapfer gehalten. Wir nehmen uns in die Arme, reden über die Situation da ‘drinnen’ und er fragt mich, wie es denn in Barcelona gewesen sei und dass er uns die tolle Reise nicht verderben wollte. Deswegen hätte er eigentlich darauf gedrungen, das uns Niemand dort über seine schreckliche Situation informieren solle. Es täte ihm Alles so leid.
Uns erst, schließlich wurden ja nicht wir ohne Vorwarnung ins Gefängnis geworfen und werden am nächsten Morgen abgeschoben. Was für eine entsetzliche Vorstellung und trotz aller Bemühungen seines Anwalts scheinbar nicht abzuwenden, was für eine Schande!
Wir haben trotz all dem Horror sogar ein bisschen gelacht zwischendurch.
Tapferer kleiner FC Lampedusa St. Pauli Spieler!

Nun müssten wir aber mal wirklich zum Ende kommen, es sei schon 12.00 Uhr durch, sagt der WEKO- Mitarbeiter in der Ecke, der den Besuch überwacht hat. Ab ins Büro, Barcelona-Geschenke brav wieder abgeben und dann sage der, Beamte der Hamburger Ausländerbehörde, der nun ein Gefängnis betreibt, in dem sie Menschen einsperren, nur um sie abzuschieben, doch tatsächlich zu mir: Er wüsste, wer ICH sei, er wüsste wer ER sei und zeigt Richtung Flur, wo unser geliebter Freund und Spieler des FC Lampedusa St. Pauli steht und ein letztes Mal durch die offene Tür zu mir rüber schaut. Er wisse, was WIR machen und dass ER beim FC Lampedusa Fußball spielt, er würde sich ja auch für Fußball interessieren und fände das ein so tolles Projekt.

Wenn das so ist, dann solle er doch bitte sofort unser zentrales Mittelfeld frei lassen, sage ich.

„Na ja“, DAS könne er natürlich nicht machen – warum eigentlich nicht?

Am nächsten Morgen, Freitag den 2.12.2016 um 7.00 Uhr wurde der FC Lampedusa St. Pauli Spieler, unser Habibi, unser Bruder und Freund mit dem Flugzeug vom Flughafen Hamburg abgeschoben!

Und dann auch noch an einem Heimspieltag des FC St. Pauli!

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Während in Villariba noch gefeiert wird, wird in Villabajo bereits abgeschoben…

Dienstagabend, 29.11.2016, Barcelona, día cuatro. Die Coaching Crew des FC Lampedusa St. Pauli hat die Trainingsjacke gegen das kleine Schwarze getauscht. Eine halbe Stunde später sitzt auch die Frisur. Das Make-up bringt etwas Glanz in unsere leicht übermüdeten Augen.
Eine monatelange Planung liegt hinter uns, hunderte von E-Mails mit den Veranstaltern des City to City Barcelona FAD Award 2016 , der Ausländerbehörde. Jede Menge Papierkram war nötig, um schließlich 11 Spielern diese Reise zu ermöglichen. Die letzten beiden Tage vor dem Abflug waren von Verhandlungen mit der Airline, die uns noch im letzten Moment einen Strich durch die Rechnung machen wollte, geprägt. In großartiger Teamarbeit mit den Gastgebern, der Stadt Barcelona und dem FC Barcelona, bestätigte die Holding der Airline 15 Stunden vor Abflug dann doch noch, dass der FC Lampedusa St. Pauli mit allen gebuchten Spielern reisen darf.
Auf die Idee, dass eine Airline die Reise-Dokumente der Bundesrepublik Deutschland anzweifeln könnte, war nun wirklich niemand von uns gekommen. Man lernt nie aus. Zwei der jungen Spieler die wir gerne mit nach Barcelona genommen hätten wurden schon während der Beantragung gezwungen, innerhalb einer Woche das Land zu verlassen. Das war schon schlimm genug!

Die Spieler machen sich ebenfalls frisch und wir sind sehr gespannt, wer heute Abend das ‘Hemd des Tages‘ wird, eine der Lieblings-Competitions beim FC Lampedusa St. Pauli.

In 5 Minuten sollen wir von unseren großartigen Gastgebern an der Rezeption des Hostels abgeholt und zur Preisverleihung des City to City Barcelona FAD Award 2016 gebracht werden, dem eigentlichen Anlass für diese Reise.

‘bing, bing’ – eine What’sApp flattert in das Zimmer der Coaching Crew. Einer unserer FCLSP-Spieler, der am Vormittag einen Termin in der Ausländerbehörde hatte. Wir hatten den ganzen Tag nichts von ihm gehört, und machten uns schon Sorgen, dass er bestimmt auch innerhalb von einer Woche das Land verlassen muss und jetzt vor lauter Kummer alle Endgeräte ausgemacht hat.
Schon der erste Satz im Sperrbildschirm bringt uns zurück auf den Boden der Tatsachen.

„…it’s not a good situation, I’m in a closed camp right now near the airport. I have to stay here till 2.12. and then they will deport me…“

Jetzt bloss nicht in Tränen ausbrechen und Ruhe bewahren. Für eine zweite Schminksession ist definitiv keine Zeit mehr.

Warum gerade jetzt, wenn wir in Barcelona sind? Warum nicht noch eine Verlängerung? Er musste doch sowieso jeden Montag zur Ausländerbehörde, um seine Duldung für eine weitere Woche verlängern zu lassen. Warum soll sich der FC Lampedusa St. Pauli nicht verabschieden dürfen?
Warum wird der neue ‘Abschiebegewahrsam‘ der Hansestadt Hamburg mit unserem Mittelfeldspieler aufgefüllt, während wir gerade im internationalen Rampenlicht stehen und einen Preis bekommen für hervorragende Projektarbeit? Warum wird ausgerechnet an einem Heimspieltag des FC St. Pauli abgeschoben?
Und warum bitte wird unser Habibi als 5. Mensch überhaupt in dieser neuen Hafteinrichtung weggeschlossen ?
Und dann auch noch ALLEINE mit 20 24/7-Angestellten der Ausländerbehörde und einem Sicherheitsdienst, während wir in Barcelona seit vier Tagen auf Händen getragen werden, weil wir unter die letzten drei von insgesamt 100 eingereichten Projekten des City to City Barcelona FAD Award 2016 gekommen sind?
Was stimmt denn eigentlich mit unserer Welt nicht? Wenigstens lässt uns dieses Kopfkino, was jede von uns sicherlich in unterschiedlichsten Nuancen abspult, nicht im Tränenmeer versinken. Man wächst mit seinen Aufgaben, wie es gemeinhin so heißt. Gemein!
Natürlich war uns allen bewusst, dass dieser Schmerz mit zu unserem Projekt gehört, und dennoch zeigt das Ministerium für Inneres, Jugend und Sport der Hansestadt Hamburg immer wieder neue Schattierungen seiner fiesen Fratze. Umso willkürlicher die Abschiebungen angesetzt werden, desto dreister werden die Methoden. Doch Jammern hat noch nie jemandem geholfen.
Und HELFEN wollen wir schon gar nicht und integrieren können WIR nur in Strukturen, die das zulassen. Allein die Tatsache, dass das Ministerium für Inneres, Jugend und Sport EIN Ministerium ist, spricht für sich. Vielleicht wurde deswegen unserem Habibi wenigstens im Erstaufnahme-Container-Lager ein Bett in einem Zimmer mit Aussicht auf das Trainingsgelände des FC St. Pauli gegeben? Zynismus bringt uns eben manchmal zum Lachen, wenn sonst nichts mehr hilft.

Wir tun, was man in dieser Situation tun muss. Ruhe bewahren! Ein kurzes Telefonat mit dem Anwalt und der Verlobten unseres Mittelfeld-Habibis und dann müssen wir auch schon los.

Das Team merkt, dass etwas nicht stimmt, manche fragen, manche nicht. Wir wollen den mitgereisten Spielern nicht ihren einzigen und ersten Urlaub ihres Lebens vermiesen, die Ängste und Sorgen, die sie in Hamburg zurück gelassen haben, kommen früh genug zurück. Sie sollen Spaß haben und für ein paar Tage ihre Probleme vergessen.

Die Absurdität kommt so langsam in unseren Köpfen an. Man gewinnt einen Preis für ein Projekt, für dass man seit drei Jahren alles gibt, international bekannt ist und wird dann so brutal wieder in die grausame Realität zurückgeholt. Drei Tage hatten wir hier so viel Spaß, so tolle Menschen um uns, haben großartige Gespräche geführt und stets die sehr interessierte Presse an der Hacke.
Und Hamburg? Sperrt einen unserer Spieler alleine ins Gefängnis, was sie nicht mal so nennen wollen und eklige Begriffe wie ‘Ausreise-Gewahrsam‘ dafür erfinden? Und auch noch genau dann, wenn wir gerade nicht in der Stadt sind? Unser Habibi!
Nun ist er die Nummer 5 im neuen Abschiebeknast am Hamburger Flughafen.

Immer wieder dreht sich die gleiche Schleife in unseren Köpfen.
Vor dem Rathaus Barcelonas ist alles weihnachtlich geschmückt. Der Timetable ist eng. Weder für eine Entspannungszigarette noch für einen erneuten Make-up-Check bleibt Zeit. Die wasserfeste Mascara hält einzelnen Kullertränen zum Glück tapfer stand.
Im Vorzimmer der Bürgermeisterin Ada Colau treffen sich alle Gewinner_innen und Preisverleiher_innen. Alle stürzen sich auf uns. ‘Was für ein tolles Projekt’, ‘so schön, dass ihr da seid’.
Eigentlich würden wir uns jetzt bedanken und freuen. Zum Feiern ist uns irgendwie nicht wirklich zumute. Wir versuchen uns nichts anmerken zu lassen. Doch warum sollen wir unsere aktuelle Situation für uns behalten? Der Vizepräsident der FC Barcelona Foundation, Jordi Cardoner, ist der erste der sich der Realität stellen muss. Alle schütteln den Kopf, sind sprachlos. Es soll auch den gesamten Abend so bleiben.

Und schon geht die Tür auf und Ada Colau betritt den Raum, kurze Begrüßung und los geht’s. Wir versuchen uns auf unsere Rede zu konzentrieren, noch mal alles Wort für Wort durchzugehen. Unsere Dankbarkeit für den Preis, für diese Einladung soll schließlich gebührend transportiert werden. Eine von uns wird zwei Minuten Catalan sprechen, die Zweite wird dann die Rede auf Englisch fortsetzen. Beschäftigungstherapie in der aktuellen Situation.

Schließlich managen wir alles souverän, das anschließende Shakehands und der Foto- und Pressemarathon tun gut, zeigt das doch, dass wir anscheinend irgendwas richtig machen.
Auf jeden Fall schaffen wir Bilder und das werden wir auch weiterhin tun.
„Wenn Ihr was braucht, meldet Euch“, ist einer der zentralen Sätze des Abends, ganz gleich mit wem wir reden.

Das tut richtig gut, das macht einem warm ums Herz und füllt unseren Akku für die nächsten Monate. Und den werden wir in Hamburg ganz sicher zu 100% geladen brauchen.

„Wir würden gerne Eure Bürgermeisterin Ada Colau klonen und sie mit nach Hamburg nehmen“, antworten wir.

Wenn es am schlimmsten ist, sind wir meistens am witzigsten, da wir wissen, dass wir es ernst meinen.

Und jetzt gehen wir mal vor die Tür, eine Zigarette rauchen und im Knast anrufen, der ja angeblich kein Knast ist, drum gibt es wenigstens free WiFi!

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