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FC Lampedusa Überall

Ein Reisebericht zu einigen unserer FC Lampedusa St. Pauli Spielern, die die Hansestadt Hamburg in den Kosovo und nach Serbien abgeschoben hat.

Beim FC Lampedusa St. Pauli bleiben alle Spieler ein Teil des Teams, auch wenn sie gezwungen werden, Hamburg zu verlassen.
Einige von ihnen müssen unter Zwang den Bus besteigen, manche werden plötzlich nachts von der Polizei aus dem Bett gerissen und abgeholt. Erst stundenlang irgendwo hingekarrt, dann eingesperrt und schliesslich ausgeflogen, mit sogenannten Charter-Sammel-Abschiebungen von irgendwelchen stillgelegten Flughäfen, hunderte Kilometer von Hamburg entfernt. Leider wurde auch der neue Abschiebeknast der Ausländerbehörde am Hamburger Flughafen, der sogenannte “Ausreisegewahrsam”, schon von einem unserer FCLSP-Spieler von innen gesehen. Drei Tage Isolation und Gefangenschaft und dann ab mit einem sogenannten “Passersatzpapier” der Hamburger Ausländerbehörde. In den Flieger: zurück – zurück – wohin denn eigentlich “zurück”?

Wenn sie schon nicht mehr mit uns und ihrem Team Fußball spielen dürfen auf St. Pauli, dann versuchen wir jetzt wenigstens mit ihnen Fußball im “Zurück” zu spielen – im Kosovo und in Serbien.

Also haben wir, ein Mitglied der Coaching Crew und ein Spieler des FC Lampedusa St. Pauli, der inzwischen deutscher Staatsbürger werden konnte, mit unseren privilegierten deutschen Reise-Pässen einen Flug gebucht und sind zu ihnen geflogen. Im Gepäck ein paar FC St. Pauli Trikotsätze und eine Tüte FCSP-Fußballstrümpfe. Dafür danken wir besonders dem Platzwart der Feldarena Bubu und der FC St. Pauli Jugendabteilung. So kommen wir nicht mit leeren Händen und bringen ein Stück “Zuhause” zu denen, die man aus ihrem, als solches empfundenen Zuhause, rausgeschmissen hat. Und Fußballspielen kann man damit auch noch. Bälle, beim letzten Training noch schnell unterschrieben, als Grüsse von den FCLSP team mates aus Hamburg haben wir unseren Habibis mitgebracht. Ab zur nächsten Tankstelle, oder mal die Nachbarschaft nach Ballpumpen abklappern und los geht’s.
Runter vom Sofa und rauf auf den Fußballplatz! Und einen Fußballplatz gibt es ja zum Glück überall. Ob in Lipjan, in Smederevo, oder in Veternik.

Bis alle wieder nach Hause zum FC Lampedusa St. Pauli nach Hamburg kommen können, kommen wir diese zwei Wochen halt mal, zu euch. Wir freuen uns alle wahnsinnig uns endlich nach Monaten wieder zu sehen.

Der FC Lampedusa Lipjan
Wir fliegen Anfang März nach Skopje, der Hauptstadt Mazedoniens und werden dort am Flughafen schon von unserem FC Lampedusa St. Pauli Spieler erwartet. Was für ein Wiedersehen. Zusammen fahren wir durch die Nacht in den Kosovo.

Es ist unglaublich dunkel hier, oder bilden wir uns das nur ein? Nein, es ist echt dunkel hier.
Wir kommen in der kleinen Stadt Lipjan an, es riecht nach Braunkohle und Holzofenfeuer.
Erstmal schlafen wir etwas aus, richten uns gemütlich ein und werden am nächsten Tag herzlich aufgenommen.
Viele sprechen deutsch und erzählen uns von ihren Erfahrungen in Deutschland. Es scheint so, als ob die halbe Stadt in Hannover lebt, gelebt hat, oder zumindest versucht hat dort zu leben. Mit einer schwungvollen Handbewegung wird über den Rausschmiss, bzw. die Abschiebung kommuniziert, um es nicht in Worte fassen zu müssen. Wir verstehen auch so.

Anfang 2015 hat sich rumgesprochen, dass die Grenze zwischen Serbien und Ungarn “offen” ist.
Um die 20.000 Menschen aus dem Kosovo sollen diese kurze Zeitspanne und diese einmalige Chance wahrgenommen haben, um in den Westen Europas zu gelangen. Mit dem Bus nach Serbien, zu Fuß über die Grenze, mit all den anderen Flüchtenden aus Syrien, Afghanistan und wer weiss woher. Entlang der sogenannten “Balkanroute” eben. Versteckt, verschreckt, gejagt, verfolgt, geschnappt, eingesperrt und interniert. Manche Gruppen Geflüchteter wurden in Ungarn gar im Wald im Schnee eingezäunt und stundenlang der Kälte ausgesetzt. Sie haben auf Bahnhöfen geschlafen oder gar nicht, bis sie endlich in Deutschland angekommen sind. Zumeist wurden sie direkt hinter der Grenze aus den Zügen geholt, erkennungsdienstlich behandelt und aufgefordert Asyl zu beantragen. Ansonsten ist die “illegale Einreise” in das Bundesgebiet strafbar.

Menschen aus dem Kosovo brauchen für fast jedes andere Land ein Visum.
Sie sind praktisch eingesperrt in einem Land, das um ganz ehrlich zu sein, zumindest Anfang März, einer Ödnis gleicht.
Mit auffällig vielen Baustellen, wo aber niemand so recht weiss, ob denn noch mal weiter gebaut werden wird.
Die Deutsche Botschaft nimmt zur Zeit keinerlei Visums-Anträge mehr an. Die Wartezeit der schon gestellten Termin-Anfragen beträgt bis zu 9 Monaten und die meisten Visa werden ohnehin abgelehnt. Es gibt kaum einen Weg mehr raus und viele der, vor allem jungen Menschen, die Anfang 2015 ihre Chance wahrgenommen haben, der ewigen Warteschleife zu entfliehen, sind mit der wischenden Handbewegung, Deutschkenntnissen, vielen ernüchternden und traurigen, bis traumatisierenden Erfahrungen und leeren Händen wieder zurück. Ausgestattet mit der Erkenntnis, dass man sie im “Westen” nicht haben will, ihnen dort das Recht auf Gestaltung ihres eigenen Lebens und ihrer eigenen Zukunft nicht zuerkennt und dass Leute aus dem Kosovo in Westen Europas einen schlechten Ruf genießen, warum auch immer. Fast alle wurden mit zum Teil unglaublichen, unfassbaren und unerklärlichen Vorurteilen konfrontiert.

Und trotzdem schwärmen sie von Deutschland, von Hamburg, Hannover, Düsseldorf, Köln und Stuttgart.
Ja das war so schön dort und dann wird wieder mit der Hand gewischt, dann war es vorbei.
Rausgeflogen – rausgeflogen- im wahrsten Sinne des Wortes rausgeflogen.

Viel gibt es nicht zu tun in der kleinen Stadt. Wer Arbeit hat schuftet 10 Stunden am Tag für ganz kleines Geld, 6 Tage die Woche und kommt gerade so über die Runden. Die anderen haben nicht mal das und so befindet sich auch schräg gegenüber von unserem Haus eine Western-Union-Filiale, wo das Geld aus Hannover, Stuttgart und Düsseldorf, das in die “alte Heimat” geschickt wird, abgeholt werden kann. Es gibt viele fast leere Cafés und Supermärkte, die auch teure deutsche Produkte verkaufen. Wer isst denn im Kosovo deutschen Frucht-Joghurt für teures Geld, fragen wir uns und Friseur-Salons, viele, viele Friseur-Salons.

Man geht stets zum Friseur hier, auch wenn das Geld knapp ist.
So geht auch der eingeflogene Hamburger zum Friseur und mit Hilfe eines “Hannoveraners” auf “Heimat-Urlaub” sieht er jetzt aus wie Fernando Torres. Der gestandene Lipjaner aus Hannover sagt beim Kaffee danach: “wisst ihr, hier ist es wie auf Cuba, nur ohne Revolution.” Tja und dann fällt auch schon wieder der Strom aus. Vielleicht hat er ja in gewissem Sinne Recht.
Von Politikern, egal welcher Couleur, hält hier überhaupt niemand mehr etwas, “… alle korrupt, wisst ihr?”
Von der UNO und der EU erwartet auch kaum noch jemand den lang versprochenen Aufschwung, oder gar die Aufnahme in die Familie der Europäer_innen. “Ja bei euch in Europa” heisst es oft. Aber wo sind wir denn dann hier eigentlich überhaupt?

Ach lasst uns lieber Fussball gucken und spielen.
Fussball mögen hier alle – auch und besonders unsere neue Schwester.
So trinken wir stets zusammen Mocca, gucken und reden über Fussball. Das ist toll!

Für unser erstes Spiel haben wir uns gleich das Stadion in Lipjan ausgesucht. Hier trägt der FC Ulpiana seine Heimspiele in der 2. Kosovarischen Liga aus. Zugegeben, es ist eine einzige, grosse Baustelle, mit Kunstrasen-Fliesen-Matten auf Bauschutt. Ein deutscher TÜV würde dort, zwischen Stahlbeton-Streben, ausgeschachteten Tiefbaukuhlen und in den Frühlingshimmel ragenden Stahlträgern, wohl keine Spiele erlauben. Aber hey, der ganze Kosovo ist eine einzige Baustelle, so what. Ob jemals weiter gebaut wird, ist auch hier, wie im gesamten Land, eine ganz andere Frage.

Also Samstag erst mal Heimspiel vom FC Ulpiana gucken, nachdem eine kleine Gruppe Ultras, stilecht mit Frontbanner an unserem Haus, über die Hauptstraße, singend und skandierend, Richtung Stadion an dem Bahngleis gezogen ist. Ja auch so ist Fußball, robust, direkt, ohne weitere Schischihs. Wir zwei, eindeutig erkennbar nicht aus des Stadt Kommenden, werden mit Interesse zur Kenntnis genommen und Fatmire Bajramaj, ehemalige deutsche Fussball-Nationalspielerin, geboren 1988 im Kosovarischen Dörfchen Durakovac, ebnet mir als Frau den Weg, zu den ausschliesslich männlichen Zuschauern.
Danke dafür Lira.

Auf unsere Frage, ob wir am nächsten Tag wohl ein kleines Spiel im Stadion machen könnten, ernten wir nur verwirrte Blicke, “warum denn nicht, hier schliesst doch keiner ab, macht doch einfach”. OK, danke, wenn das so einfach ist. Leider unterliegt der FC Ulpiana am Ende deutlich und auch verdient mit 1:4. So ist halt Fussball auch im Kosovo.

Am Sonntag den 10. März trommelt der Schwager unseres Bruders vom FC Lampedusa St. Pauli, der nach knapp zwei Jahren in West-Europas, wider Willen “zurück” in dieser Kleinstadt “gelandet” ist, ein paar Freunde zusammen. Die meisten seiner Freunde haben keine Zeit, hier wird auch Sonntags 10 Stunden am Tag gearbeitet, aber ein paar versprechen zu kommen. Also machen wir uns auf zum Stadion und fragen die Jungs, die im Stadion, Elfmeter schiessen üben, ob sie Lust auf ein kleines Spielchen hätten. Haben sie. Also einmal alle durchgezählt, aufgeteilt und schon geht’s los. Anpfiff. Endlich wieder zusammen Fußball spielen.

Ich gucke mir das Ganze doch lieber von außen an, mache Fotos und kann die Trainerin in mir doch nicht ganz abstellen.
So rufe ich Spielern zwischen 13 und 30 gut gemeinte “Befehle” auf Deutsch zu. Scheint aber niemanden zu stören und nach ein paar Minuten, verstehen Einige was ich von ihnen will und versuchen sogar, das umzusetzen. Trainerin eben und von außen sieht man ja meist ein bisschen mehr und manchmal klarer.
Danke dafür, ihr Jungs aus Lipjan.

Die Sonne scheint, der Ball rollt und wir sind richtig glücklich.
Vor allem unseren Habibi, der von heute auf morgen aus unserem Team gerissen wurde, der ganz plötzlich aus unserem gewohnten Leben verschwand, den wir 3 Monate nicht mehr gesehen haben, obwohl er vorher eine Zeit lang einfach immer da war, der nur noch virtuell dabei sein konnte, ihn so fröhlich auf dem holprigen Kunstrasen-Teppich wieder zu sehen, ist einfach super.
Es fühlt sich alles rundum gut an und verdrängt die, doch eher traurigen Bilder, unserer letzten Begegnung aus dem Kopf.
Wir haben alle viel Spaß und es steigen noch ein paar dazu kommende Teenager auf beiden Seiten mit ein und kicken munter mit.
Am Ende trennen sich der FC Lampedusa Lipjan und der FC Lipjan Mix mit 9 zu 7.
Es fährt sogar ein Zug vorbei. Eine alte Lock mit einem einzigen über und über besprühten Wagon, wie in der Großstadt und das am Sonntag, im beginnenden Sonnenuntergang. So schön.

Doch vorher macht es noch “knacks” und dem eingeflogenen Abwehrrecken des FC Lampedusa St. Pauli, heute FC Lampedusa Lipjan reisst das Aussenband am Knöchel.
Das ist natürlich ein Riesenpech, vielleicht doch etwas zu viel Bauschutt unter den Kunstrasen-Matten.
Ist jetzt nicht gerade optimal für eine Fußballreise.

Vielen, lieben Dank allen Lipjanern für diesen schönen Sonntag, das tolle Spiel, euer Stadion, eure Gastfreundschaft, eure Offenheit, eure Geschichten, eure Freundschaft. Danke das wir jetzt eine liebevolle kleine Familie in dieser kleinen Stadt haben, die wir echt liebgewonnen haben. Wir kommen bestimmt wieder.

Aber Bänderriss hin oder her, wir drei FCLSPs müssen jetzt weiter fahren.
Vom Kosovo nach Serbien. Nach Smederevo, ins Ruhrgebiet, oder Rheinland Serbiens, in die Stahlarbeiterstadt, Schwer zerstört von deutschen Fliegern der Bundeswehr 1999.
Dorthin wo ein weiterer FC Lampedusa St. Pauli Spieler mit seiner Familie heute leben muss.

Aber das ist eine andere Geschichte!
Die lest ihr das nächste Mal.
Euer FC Lampedusa St. Pauli

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Ostereier suchen und ein Super-FC(L)SP-Überraschungspaket gewinnen mit dem FC Lampedusa St. Pauli

Vom 17. April bis zum 23. April werden in Hamburg an 40 verschiedenen Stellen Poster des City to City Barcelona FAD Award 2016 mit dem Teamfoto des FC Lampedusa St. Pauli zu sehen sein.

Finde sie, mach ein Selfie vor dem Billboard mit Dir und sende es als persönliche Nachricht auf facebook an den FC Lampedusa und gewinne einen Tagespreis!

 Wer die meisten Fotos von den verschiedenen Standorten einsendet,
gewinnt das Super-FC(L)SP-Überraschungspaket.

Das schönste Foto des Tages wird täglich auf unserer Facebookseite veröffentlicht.

Gewonnen hat, wer am Ende der Woche die meisten Billboards an verschiedenen Standorten gefunden und eine Selfie geschickt hat.

 Was ist der City to City Barcelona FAD Award 2016?

Wir, der FCLSP, haben Ende November 2016 den 2. Preis des City to City Barcelona FAD Award 2016  gewonnen und wurden von der Bürgermeisterin Ada Colau im Rathaus von Barcelona ausgezeichnet.

Teilnahmen 11 Spieler und die Coaching Crew des FCLSP.

Link zum Artikel DE 
Link zum Artikel UK 

 Der FCLSP ist seit dem 30. Juli 2016 das offizielle Refugee-Team des FC St. Pauli.
Seitdem trainieren wir an der Feldstrasse und sind froh und glücklich ein Teil der offiziellen FCSP-Familie zu sein.

 Runter vom Sofa!

Ran ans Handy!

Raus auf die Straße!

Sicher Dir Dein Super-FC(L)SP-Überraschungspaket!

 Schick uns Deine Bilder mit: Vorname, Nachname, Fundort/Uhrzeit und Gemütszustand.

 Der Rechtsweg ist wie immer ausgeschlossen und Gewehre lehnen wir grundsätzlich ab.

 

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Von Bussen, die nachts die Kinder abholen und desinfizierten Teddys

Am Freitag den 2.12.2016 um 7.00 Uhr morgens wurde leider erneut ein Spieler des FC Lampedusa St. Pauli abgeschoben, nachdem er drei Tage im neuen sogenannten „Ausreisegewahrsam“ der Ausländerbehörde am Hamburger Flughafen gefangen gehalten wurde. Er war dort der 5. Gefangene in der Hamburger Geschichte überhaupt und saß da als einziger Häftling ein – bis zu seiner Abschiebung im Morgen-Grauen!

Am Montag den 5.12.2016 fahren wir, zwei Trainerinnen des FC Lampedusa St. Pauli in die Erstaufnahme für Flüchtlinge in die Schmiedekoppel nach Niendorf. Wir haben uns extra ein Cityauto gemietet, um die zurückgebliebenen Sachen unseres abgeschobenen Spielers in der Flüchtlings-Unterkunft abzuholen.

Am Vormittag hatten wir angerufen: „Hallo, wir sind Freundinnen von R., wie Sie ja wissen wurde er am Freitag abgeschoben. Das Abschiebegefängnis hat ja schon am Mittwoch seine Zimmerschlüssel zurückgeschickt, hat man mir bei meinem Besuch am Donnerstag dort gesagt. Ich habe auch eine Vollmacht von ihm, dass wir seine Sachen abholen dürfen. Können wir um 14.00 Uhr vorbei kommen? Hallo, Hallo, sind Sie noch da? Hallo?“.

Die Frau am anderen Ende der Leitung, nennen wir sie Petra, ist hörbar geschockt: „Ähm, was, davon weiss ich ja gar nichts, das ist ja schrecklich! Wie abgeschoben, am Freitag? Wieso Ausreisegewahrsam? Wie seit Dienstagmorgen? Uns hat überhaupt niemand informiert, ich weiss von nichts, das ist ja schrecklich! Wie war noch mal der Name? Vorbeikommen wollt ihr, eine Vollmacht habt ihr, abgeschoben ist er, wie schrecklich, ja ja, kommt um 14.00 Uhr!“

Unser Teilzeitauto hat einen Navi und so wissen wir, dass wir mehr oder weniger zum Trainingsgelände unseres FC St. Pauli fahren müssen, um dann in einem grösseren Bogen, durch eine Art „Wildnis“ zur Erstaufname zu gelangen. Links und rechts der kleinen Straße abgehängte Bauzäune, rechts, eine Art einstöckige Container-Reihenhaus-Siedlung, mit Gässchen und bunter Wäsche, die im schmuddeligen Hamburger Wetter, über grossen Pfützen im kalten Wind flattert.

Wir müssen nach links. Am mit grüner Plastikfolie blickdicht gemachten Bauzaun hängt ein Schild, ‘ASB Flüchtlingshilfe’ . Wir sind ein bisschen irritiert. “Flüchtlings-Hilfe“?

Wir gehen durch ein offenes massives Eisenrolltor zum Security-Container, zwei Männer in Wachdienst-Uniformen stehen links und rechts, durch die Luke, ins Innere hinein, versuchen wir zu erklären, wer wir sind und was wir wollen. „Wir sind mit Petra…. verabredet“, sagen wir, haben aber den Nachnamen irgendwie falsch abgespeichert. Es wird gerätselt, gefragt, vorgeschlagen und telefoniert. Es käme gleich jemand und würde uns abholen, heisst es aus dem Inneren der „Pförtner-Loge“. Wir sollten uns schon mal in die Besucher-Liste eintragen. Wir stehen bibbernd im Dezember-Schmuddel und beobachten einen Jungen, der mit einem kaputten Ball Fußball spielt. Alleine ist irgendwie doof und so fängt er an mit einem Wachmann, mit Musikknöpfen in den Ohren und Händen in den Hosentaschen, die schlaffe Pille hin und her zu kicken. Schon kullert der Ball zu einer von uns und so passen wir uns zu dritt den Ball hin und her. Eine skurrile Situation – oder vielleicht auch nicht.
Ein weiterer kleiner Junge kommt hinzu und so spielen die beiden erstmal munter zusammen, geraten aber bald in Streit und fangen an sich ein bisschen zu prügeln. Der Security-Mitarbeiter nimmt die Hände aus der Tasche, schnappt sich das weinende, um sich schlagende Kind von vielleicht 5 Jahren, hält ihn fest im Arm und redet beruhigend auf ihn ein. Der andere, gleichaltrige Junge, versucht uns, die wir immer noch warten, dass wir abgeholt werden, zu erklären, dass natürlich der andere angefangen hätte. Irritierende Situation, der uniformierte Streitschlichter – vielleicht aber auch nicht. „Flüchtlingshilfe“. Steht ja am Tor!

Endlich kommt Petra, ganz aufgelöst, es täte ihr so leid, sie hätte vergessen uns anzurufen, wir könnten nun doch nicht die Sachen unseres Spielers abholen. Der zweite Bewohner des Zimmers sei weg gegangen.

Wie bitte? Also bestehen wir wieder einmal darauf. Wir hätten uns heute extra frei genommen, ein Auto besorgt, seien hierher gefahren und das, da es sich ja nicht um ein Gefängnis handelt, der Mann kommen und gehen könne wann immer er wolle. Von daher macht es ja überhaupt keinen Sinn, darauf zu hoffen, das er irgendwann im Zimmer wartet, bis irgendwelche Leute, irgendwelche Sachen, des anderen, seit Tagen nicht mehr dagewesenen abholen kommen.
Ja ja, aber die Privatsphäre, nein also, sie wäre überhaupt noch nie in einem Zimmer gewesen,
wenn dort kein Bewohner anwesend sei, das könnte sie echt nicht tun.

Wir gucken uns an und um. Wir stehen in einem großen Container-Lager auf einem ehemaligen BMW-Autohaus-Parkplatz, der Boden kahl, und mit großen, tiefen Pfützen überzogen. Doppelstöckig stehen die Container dicht an dicht, dazwischen enge Wege. „Links und rechts der Straße sind insgesamt 850 Menschen untergebracht“, sagt Petra.
Wer durch das Rolltor geht, muss sich beim Wachdienst ausweisen, und seinen Namen, Uhrzeit, und so weiter in eine Liste eintragen, egal in welche Richtung, ob raus oder rein.

Wir stehen immer noch draussen, es nieselt, unsere Füsse und Hände sind kalt und es fängt schon an dämmerig zu werden.
Also wir gehen hier nicht weg ohne die Sachen unseres Spielers. Punkt, aus, basta!

Also wenn das so ist, dann müssten wir mal ihren Vorgesetzten fragen. Wir gehen zusammen zum Büro-Container, mit der Aufschrift „Flüchtlingshilfe-Büro“, bleiben weiterhin in der Kälte stehen und ein Mann wird nach draussen geholt. Also sie hätte überhaupt niemand über die Abschiebung informiert, sie wüssten von nichts und überhaupt, würden sie nie informiert.
Ob er denn die Vollmacht unseres FC Lampedusa St. Pauli Spielers haben könnte und wir hätten ja sicher den Zimmerschlüssel dabei und noch wichtiger: den Schlüssel seines Schrankes, oder?
Er wüsste von nichts und wie denn nochmal der Name unseres Freundes sei.

Also. Alles. Nochmal. Ganz. Langsam:
Unser Spieler wurde am Dienstag, den 29.11. morgens in der Ausländerbehörde einfach verhaftet, in den sogenannten „Ausreisegewahrsam“ gebracht, dort drei Tage eingesperrt und am Freitag,
den 2.12. um 7.00 Uhr ABGESCHOBEN!

Am Donnerstag den 1.12. war eine von uns im Abschiebeknast und dort wurde:

1. eine Vollmacht unseres Spielers geschrieben, dass wir seine Sachen abholen dürfen.

2. von der Gefängnisleitung behauptet, in einem direkten Gespräch (von Angesicht zu Angesicht), dass sie die Schlüssel der Erstaufnahme bereits an die Unterkunft zurückgeschickt hätten, da „die Leute“ sie sonst immer mitnehmen würden.

3. versprochen, in der Schmiedekoppel anzurufen bzw. ein Fax zu schicken, um die Unterkunft in Kenntnis zu setzten und mitzuteilen, dass am Montag Freundinnen kämen, um die restlichen Habseligkeiten des Insassen und dann schon Abgeschobenen abzuholen.

Nichts davon ist passiert!

Tja, also, dann würde er jetzt mal da anrufen und anfragen, er wüsste jetzt auch nicht so recht, was zu tun sei. Nach einer Weile kommt er wieder aus dem Büro, gibt uns das Original der Vollmacht wieder zurück und teilt Petra und uns mit, dass das Abschiebegefängnis die Abschiebung bestätigt habe, der Schlüssel sei wohl irgendwie unterwegs oder so und in diesem Falle würde jetzt mal der Hausmeister, mit dem Generalschlüssel gerufen. Wir könnten ja schon mal vorgehen und im Container warten, sei ja doch recht kalt und feucht.
Gute Idee!

Also gehen wir schräg gegenüber in einen der Container, und warten auf den Hausmeister.
Es kommt ein junger Typ mit einer riesigen Brechstange in der Hand. Oha, gibt es keinen General-Schlüssel? „Der ist für das Schrankschloss“, werden wir beruhigt, aber Moment mal, ach nein, das Zimmer ist ja oben. Also raus, die eiserne Treppe hoch, durch die Tür und rein in einen sehr schmalen Flur, mit der riesigen Brechstange. Die anwesenden „Bewohner“ haben richtig Angst vor uns und starren uns fast panisch an. Ein Mann möchte in sein Zimmer gehen, traut sich aber nicht an uns vorbei, wir bemerken es und treten beiseite im engen Flur. Zwei fremde Frauen, eine Mitarbeiterin und ein Mann mit einer riesiger Brechstange!
Das ist das schlimmste an der Situation, dass geflüchtete Menschen sich vor uns ängstige, Ein Alptraum!

„Also nein, wirklich“, sagt Petra, sie wäre noch nie in einem Zimmer gewesen ohne die Bewohner, sie könne das nicht machen. Wir beruhigen sie, dass all seine Sachen im linken Schrank seien, wir nichts anfassen würden und sogar genau wüssten, was sich im Schrank befindet. OK. Der Hausmeister schliesst das Zimmer auf und wir zeigen auf den linken Schrank. Das Zimmer ist winzig, es passen genau zwei Betten, ein Tisch, ein Stuhl und zwei Spinde rein. Der da, ja genau und drinnen liegt eine hässliche Deutschland-Fleecejacke von der Deutschen U21-National-Mannschaft, ein Geschenk von Christopher Avevor vom FC St. Pauli.
Wir gucken uns an, wir gucken den Hausmeister an, wir gucken Petra an – die Schränke kann man gar nicht abschliessen, sie haben nur Drehknöpfe! Das dazu.

Wir bitten den Hausmeister, den Knopf zu drehen und er zieht die Deutschlandjacke aus dem Schrank. Ja genau, das sind die Sachen unseres FC Lampedusa St. Pauli Spielers, die nehmen wir jetzt mit. Viel ist es nicht. Schnell packen wir die paar Sportsachen aus Christopher Avevors Kleiderspende, ein paar Badezimmerutensilien und etwas Papierkram in eine Tasche und verlassen den Container, inklusive völlig überflüssiger Brechstange, damit sich die Menschen nicht mehr vor uns fürchten müssen!

Wieder draussen erzählt uns Petra, dass insgesamt 850 Menschen hier untergebracht sind und das sie es so traurig findet, dass einige ganz plötzlich einfach weg sind und dann zeigt sie auf das einstöckige Container-Lager auf der anderen Straßenseite und sagt:
„Und in der Nacht kommen die Busse und holen die Familien mit deren kleinen Kindern ab!“
Wie bitte?

Ja, sie würden überhaupt nicht informiert, dann kämen nachts die Busse und holten die Kinder ab. Am Morgen wären nur noch die Teddys da, die würden sie dann desinfizieren, damit man sie weiter verteilen kann. Was?

Ja, und dann bekämen die nächsten Kinder wieder die Teddys, bis dann auch sie nachts abgeholt werden und wieder nur Teddys zurück blieben, die dann wieder desinfiziert würden – was sollten sie denn machen, sie wüssten ja von nichts, sie würden überhaupt nie und von niemandem informiert.

Wir sind geschockt. Ihr könnt euch sicher denken, was für Assoziationen uns durch den Kopf gehen. „Das geht doch nicht, hier kannst du doch nicht arbeiten“, sagen wir zu ihr.
Ihr stehen schon fast die Tränen in den Augen.
Das sei die Unterkunft für Familien, hauptsächlich vom Balkan, sagt sie leise und da kämen halt nachts dann die Busse. Die seien dann einfach weg und nur die Teddys seien noch da.
Petra guckt uns mit verzweifelten, traurigen Augen an.

Nein Petra, hier kannst du nicht arbeiten, das geht einfach nicht!
Du kannst doch nicht mitmachen, bei so etwas!
Du kannst doch nicht in einem Flüchtlings-Lager arbeiten, wo in der Nacht Busse Kinder abholen.
Wo morgens nur noch die zurückgebliebenen Teddys liegen – die dann desinfiziert werden. NEIN!

Verstört trotten wir durch die Dämmerung, mit unserer Tasche voller Rasierwasser, Seife, Jogginghosen und DER Deutschland-Fleecejacke zum Tor, tragen uns am Security-Container wieder auf der Liste aus, werfen ein kurzes ‘Tschüss’ in die uniformierte Runde und gehen auf die kleine Straße.

Wir schauen auf die andere Straßenseite, über den verhängten Bauzaun, zu den Container-Reihen, mit der nassen Wäsche auf der Leine, dorthin, wo die desinfizierten Teddys wohnen.

Wie viele Kinder die wohl schon versucht haben zu trösten – bis und wenn die Busse kommen – vollgesogen mit Desinfektionsmittel – die traurigen Teddys – wenn die sprechen könnten!

Bevor wir ins Auto steigen gucken wir nochmal zurück.
„EA Schmiedekoppel, ASB Flüchtlings-Hilfe“ steht auf dem Schild!

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